Zum 95. Geburtstag des Komponisten Luciano Berio

Er gehört zu den Klassikern der Avantgarde, keine Frage. Aber Luciano Berio stand nie an vorderster Front, anders als die fast gleichaltrigen Führungsfiguren Nono, Stockhausen, Boulez.

Dafür war er zu wenig lautsprecherisch und seine Musik zu wenig kompromisslos, vielleicht kam sie manchmal auch nicht schnell genug auf den Punkt. Berio hat gern experimentiert, das schon, aber nie radikal mit der Tradition gebrochen. Die Musiker liebten seine Sequenze, mit denen er vielen Soloinstrumenten ganz neue Möglichkeiten eröffnete, und mit seiner „?Sinfonia“? war Berio 1968 ein Geniestreich gelungen, der im Rückgriff auf Gustav Mahler die Postmoderne vorwegnahm. Aber stilbildend waren Berios Kompositionen nicht. Das Schule machen überließ er den anderen. Wenn aber nun heute, fast zwei Jahrzehnte nach Berios Tod, seine Musik so lebendig ist wie eh und je, ja sogar gerade wieder einen Aufschwung erlebt, wenn prominente Interpreten seine Werke neu befragen und diese Einspielungen dann als Entdeckungen gefeiert und mit Auszeichnungen überhäuft werden, dann sagt das viel über den Rang und die bleibende Bedeutung eines Komponisten aus. Aus Anlass von Luciano Berios 95. Geburtstag werde in den „?Horizonten“? einige dieser preisgekrönten und aufsehenerregenden Einspielungen der jüngsten Zeit zu hören sein: von Barbara Hanigans lustvoller Interpretation der Sequenza für Stimme solo bis zur fulminanten Gesamtaufnahme der Chemins mit dem WDR Sinfonieorchester.

http://xb187.xb1.serverdomain.org/radio/musik/Luciano-Berio-95.mp3

© BR Klassik, Horizonte, 29.10.2020

Luciano Berio: „Cries of London“ (Norwegian Soloists‘ Choir: Grete Pedersen); 

Gustav Mahler/Luciano Berio: „Ablösung im Sommer“; „Um schlimme Kinder artig zu machen“; „Erinnerung“; „Hans und Grete“ (Matthias Goerne, Bariton; BBC Symphony Orchestra: Josep Pons); 

Luciano Berio: „Sequenza III“ (Barbara Hannigan, Sopran, Sprechstimme); „Chemins III“ (Christophe Desjardins, Viola; WDR Sinfonieorchester: Manuel Nawri)

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