Die Bratsche ist ein oft verkanntes Instrument. Wenige beherrschen es so virtuos wie Tabea Zimmermann. Ein Gespräch über Eigensinn, Mut und die Ängste, die Corona auslöst.

Interview:  und 

Tabea Zimmermann gehört zu den besten Bratschistinnen der Welt. Als Solistin, Kammermusikerin und langjährige Professorin an der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler ist sie normalerweise viel beschäftigt. In diesen Tagen hätte sie im feierlichen Rahmen den mit 250.000 Euro dotierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis entgegennehmen sollen, man nennt ihn inoffiziell auch den Nobelpreis der Musik. Aber alle Auftritte sind, bis auf wenige Distanzkonzerte, abgesagt. Nun hat sie Zeit zu reden. Tabea Zimmermann erwartet uns in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg, schöne Lampen an den Decken, im Hintergrund ein Flügel. Die Stoffmasken, die wir zur Begrüßung fragend in die Höhe halten, winkt sie lachend beiseite: Was die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 betrifft, sei sie entspannt. Sie bugsiert uns an den Küchentisch im Berliner Zimmer, wir sitzen selbstverständlich auf Abstand.

ZEIT ONLINE: Frau Zimmermann, Sie haben mit drei Jahren angefangen, Bratsche zu spielen, und zwar gleich Bratsche, nicht erst Geige. Das ist ungewöhnlich.

Tabea Zimmermann: Ich habe drei ältere Geschwister, die spielten Instrumente. Und ich wollte auch spielen! Ich bin mit zwei hölzernen Kochlöffeln herumgerannt (steht auf und greift zu zwei Löffeln) und habe gerufen: Ich übe! Irgendwann hat man mir dann eine Sechzehntelgeige in die Hände gedrückt. Wir sind im Schwarzwald aufgewachsen, in einer Kleinstadt. Da gab es eine christliche Buchdruckerei, bei der auch mein Vater gearbeitet hat – und eine neu gegründete Musikschule. Dort wurden Bratschen gebraucht, für die Kammermusik.

ZEIT ONLINE: Geige und Cello sind meistens vergeben, die Bratsche bleibt als Instrument übrig.

Zimmermann: Mir gehörte sie sofort! Nennen Sie es Berufung. Musik war für mich sehr früh existenziell. Außerdem war sie der Weg hinaus aus dem strengen, religiösen Elternhaus. Meine Eltern hatten keine Ahnung von Musik, eine Musikerkarriere war für sie sozusagen das Schlimmste, was passieren konnte. Selbst mein Erfolg wog das später nicht auf, das hat mich lange geschmerzt. Kürzlich habe ich beim Aufräumen meine alten Übetagebücher gefunden. (holt einen Stapel DIN-A5-Hefte) Schauen Sie, hier ging’s los, „1. Dezember 1969“, das hat meine Mutter geschrieben. Da kamen schon in sehr jungem Alter etliche Stunden zusammen. Nur sonntags wurde nicht geübt, das durften wir nicht …

ZEIT ONLINE: Aber ganz ohne Disziplin und Drill geht es in der Musik nicht, oder?

Zimmermann: Ohne Anleitung zur Selbstdisziplin geht es nicht, aber ohne Drill sehr wohl! Um ein Instrument zu beherrschen, braucht es Können, Wissen, Liebe zur Musik, Herz und Verstand, Beweglichkeit in den Fingern und im Denken, Initiative und Flexibilität. Bei mir war es eine Mischung aus vielem: Elternhaus, wunderbare Lehrer an der Musikschule, Kammermusik, Feedback von außen. Ich wünschte nur, ich hätte eine weniger strenge Kindheit gehabt…

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© ZeitOnline, Kultur, 13. Mai 2020

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