ZeitOnline: Max Weissenfeldt – Ein Geschichtsschreiber der Musik

Max Weissenfeldt, deutscher Ethno-Funk-Pionier und Gründer des Philophon-Labels, bastelt in einer Villa in Ghana an der Zukunft des Afropop. Ein virtueller Hausbesuch. Von Jonathan Fischer.

Die aufregendste zeitgenössische Popmusik Afrikas entsteht eigentlich aus dem lärmenden Straßenchaos der Megametropolen heraus. In Max Weissenfeldts Gartenvilla im südghanaischen Kumasi hingegen herrscht hörbar Ruhe, Platz ist augenscheinlich auch sehr viel da. „Meine ganze Villa hier ist nicht mal halb so teuer wie mein altes Studio in Berlin-Kreuzberg“, schwärmt Weissenfeldt, Flanellhemd, Schlappen, zerknautschte Frisur. Per Videochat gibt der Ex-Berliner eine Hausführung: Hier das geräumige Studio, dort die Zimmer für übernachtende Musiker, und im Salon steht ein langer Tisch, an dem alle nach den Aufnahmen zusammen essen. Die Küche befindet sich nicht weit vom Kontrollraum. Beiläufig streicht der Musiker über die Kalebassen an der Wand, das ghanaische Pendant zum Akustik-Dämmschaum. Im Fenster spiegeln sich Palmen.

Angefangen hat für Max Weissenfeldt alles mit dem Funk. Mit Singles der JBs, von Eddie Bo und den Meters, die sein älterer Bruder Jan nach Hause brachte. Die beiden gründeten Anfang der Neunzigerjahre die Band The Poets of Rhythm und befeuerten von München aus das damals weltweit laufende Funk-Revival. Die Idee lautete: Warum nicht auf alten Geräten die Sounds der knisternden Hip-Hop-Samples zurück in die Gegenwart holen und sie als Single-Pressungen an ein enthusiastisches junges Publikum bringen? Selbst die Dap-Kings, die Studioband des berüchtigten Brooklyner Daptone-Labels, zollten den Brüdern von der Isar Respekt: „Ohne die Poets of Rhythm“, sagt Daptone-Gründer Gabe Roth, „wäre die Popgeschichte womöglich anders verlaufen. Wir hätten ohne sie nie den analogen schmutzigen Funk von Sharon Jones und Amy Winehouse geschaffen.“ Die Dap-Kings, muss man dazu wissen, waren Winehouses Studioband auf deren letzten, unsterblichen Album Back to Black.

Was Weissenfeldt noch vor zehn Jahren kaum zu träumen wagte: Er hat zusammen mit seinen Künstlerinnen und Künstlern den Sound des ghanaischen Pop neu geprägt, jahrtausendealte Klänge afrofuturistisch aufgetunt. Lange galt Weissenfeldts Berliner Studio als afrikanischer Vorposten im Westen. Nun hat er die Logik umgedreht: „Ich möchte in Kumasi die Komplexität des Krautrock mit den Rhythmen des Highlife verbinden.“ Also nenne er es „Krautlife„, sagt Weissenfeldt und lacht. Und kommt ins Dozieren. Über den Jazz als Grundlage aller modernen Popmusik, von Heavy Metal bis House. Und über dessen wunderbare Harmonisierung europäischer Polyfonie und afrikanischer Polyrhythmik. „Letztlich schreibe ich die Geschichte des Jazz weiter“, sagt Max Weissenfeldt. Im Idealfall löst er mit seiner Musik bei den Hörern das Gleiche aus, was er selbst einst beim Anhören einer alten Highlife-Aufnahme spürte: Euphorie und produktive Verwirrung.

© ZeitOnline, Kultur, Musik, 24.4.2021

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