Ursprünglich wollte Mary Dostal Nonne werden, später rollte sie im Star-Club in St. Pauli Joints mit Jimi Hendrix. Mit ihrer Band „The Liverbirds“, einer der ersten weiblichen Rock-’n‘-Roll-Gruppen überhaupt, schrieb sie Musikgeschichte – als „die weiblichen Beatles“. Interview: Christoph Dallach

An einem dunklen Nachmittag empfängt Mary Dostal, 72, im Wohnzimmer ihres Hauses im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Die kleine, zierliche Dostal, geborene McGlory, bietet einen Tee an. Nichts an ihrem freundlichen, bescheidenen Erscheinungsbild deutet darauf hin, dass sie vor fast 60 Jahren nur mit ihrem Bass unterm Arm und ein paar Klamotten im Koffer aus Liverpool in die Stadt kam, mit ihrer Band The Liverbirds, der ersten weiblichen Rock-’n’-Roll-Gruppe Großbritanniens. Als „die weiblichen Beatles“ schrieben sie in den Sechzigerjahren im Star-Club in St. Pauli Musikgeschichte – in dem Club, in dem auch die Beatles vor ihrem großen Durchbruch gastierten. In Hollywood wird gerade über einen Spielfilm über die Liverbirds verhandelt.

ZEITmagazin: Frau Dostal, Sie sind in Liverpool aufgewachsen und haben 1963 die erste komplett weibliche Rock-’n’-Roll-Band gegründet. Dabei wollten Sie eigentlich Nonne werden.

Mary Dostal: Ich komme aus einer armen Familie. Mein Vater war einige Jahre lang arbeitslos, und wir waren sieben Kinder. In dieser Zeit hat uns die Kirche unglaublich unterstützt. Zum Beispiel brachten Gemeindemitglieder zu Weihnachten Essen und kleine Geschenke vorbei. Wir waren sehr katholisch. Weil ich den Wunsch hatte, der Kirche etwas zurückzugeben, beschloss ich, Nonne zu werden, auch damit ich anderen armen Leuten so zur Seite stehe könnte. Den Plan hatte ich auch noch, als es mit der Band losging.

ZEITmagazin: Wie kam es zur Bandgründung?

Dostal: Meine Cousinen und ich hatten die Beatles im Liverpooler The Cavern Club erlebt, und wir sagten uns: Das können wir auch! Also gingen wir in das Musikgeschäft, wo damals alle Bands einkauften, und überlegten uns im Laden, wer was spielen könnte. Dummerweise beherrschte keine von uns ein Instrument. Stattdessen konnten wir mit den Instrumentenkoffern an den langen Schlangen vorm Cavern Club vorbeigehen, wurden direkt reingelassen und durften sogar hinter die Bühne. Aber nach einer Weile stellte man uns immer öfter die Frage, wann wir denn endlich mal auftreten würden. Bloß konnten wir wirklich nichts. Zum Glück trafen wir wenig später Valerie, die Gitarre spielen konnte und es uns beibrachte. Und so ging es wirklich los.

© Zeit Online, Magazin, 14.11.2020

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