Es war noch ganz am Anfang, der Corona-Lockdown hatte gerade erst begonnen. Ich lag nachts im Bett und konnte nicht schlafen, weil ich monatelang ohne Pause gearbeitet hatte, und nun war ich zu aufgewühlt. Ich war deprimiert darüber, dass meine Konzerte im Sommer ausfallen würden. Meine Leselampe war durchgebrannt, und ich war zu faul, zum Plattenspieler zu laufen und etwas Beruhigendes aufzulegen. Ich griff zum Handy und googelte mich selbst – wahrscheinlich wollte ich mich vergewissern, dass ich wirklich existierte. 

Es wurde mir eine Musik-Playlist angezeigt, die ich nicht kannte, und ich schaute sie mir an. Ich sah ein Cover mit einem nicht ganz zeitgenössischen Gesicht drauf. Dazu einen deutschen Titel: Von fremden Ländern und Menschen. Schumann! Kinderszenen!

Ich drückte auf Play und hörte zwei Klavierakkorde, die mich fesselten. Langsam und leise. Genre unklar. Dann zwei Motive, die nach Schumann klangen. Nach einem Takt war aber auch das wieder vorbei, und ich hörte Jazz von heute – was immer das sein mag. Getragen, etwas abwesend, nicht traurig. Gerade war ich dem gefolgt, da schlichen sich Ton für Ton die berühmten Fremden Länder und Menschen ins Spiel. Die Schatten dieses Themas wurden variiert, umgarnt, zerstreut, festigten sich, kurz waren sogar Teile aus dem Schumann-Urtext auszumachen. Gleich danach löste sich alles wieder auf in eine verschwommene Reminiszenz.

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© Zeit Online, Kultur, 21. Juli 2020

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