Er droht aus dem Bewusstsein zu verschwinden, der einst viel besprochene, immer umstrittene Schriftsteller Peter Weiss. Genau der richtige Zeitpunkt, sich an den Autor der „Ästhetik des Widerstands“ und den Vater des Dokumentartheaters zu erinnern.

Von Thomas Kretschmer

Haltung zeigen, Stellung beziehen zu den Geschehnissen in der Welt, das kann nur, wer gelernt hat, sich auszudrücken. Das war eine der wesentlichen Intentionen des Schriftstellers Peter Weiss.

Dessen kategorischer Imperativ lautete:

„Du musst lesen, du musst dich bilden, du musst dich auseinandersetzen mit den Dingen, die auf dich zukommen, du musst Stellung ergreifen, du darfst nicht sitzen und alles nur auf dich zukommen lassen, du darfst dich vor allen Dingen nicht dem Gedanken hingeben, dass Mächtige über dir sind, die doch alles bestimmen.“

Ein großer Satz. Klingt wie unser heutiger Sound der Selbstoptimierung, besitzt aber, genau gelesen, genug widerständiges Potential, um wie eine Gräte im Hals sich quer zu legen. Denn das, was Peter Weiss wollte, ist Emanzipation und kritisches Bewusstsein – gerade auch für alle jene, die von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen worden sind. Für Weiss war das Weiterbilden, das Kämpfen in Gruppen das genaue Gegenteil von individueller Selbstoptimierung, die höchstens dem Einzelnen nützte. Denn auch wenn es heute kaum noch jemand zu glauben scheint: Die Dialektik der Aufklärung hat es so gewollt, dass diese großen Ziele allein durch Selbstemanzipation und Selbstverbesserung nicht zu erreichen sind. Der Igel des Kapitalismus ist immer schon vorher da.

 

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