„Wir haben das Internet noch nicht verstanden“. Als Holger Noltze Ende Februar die Druckfahne seines Buches World Wide Wunderkammer (Edition Körber) Korrektur las, war die Pandemie kaum am Horizont erkennbar und ›das Digitale‹ für viele Kulturinstitutionen und Künstler:innen noch eher lästige Pflichtveranstaltung. Nachdem das analoge Kulturleben dann im Corona-Shutdown den Betrieb einstellen musste, wurde das Internet plötzlich für alle zum Ort der Selbstbehauptung. 

Noltzes Ausgangshypothese lautet: ›Wir haben das Internet noch nicht verstanden‹, – auch deshalb nicht, weil es von den ›Hütern der Hochkultur‹ zu oft eher als Verlängerung des Analogen denn als Ort und Medium eigenständiger ästhetischer Erfahrung betrachtet werde. Holger Noltze ist seit 2005 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus ins Leben rief. Ich erreiche ihn per Zoom im vorübergehenden bayerischen Exil. Zuhause in Köln muss erst der Wasserschaden trocknen.

VAN: IST DIR SEIT ERSCHEINEN DES BUCHES EIN DIGITALES FORMAT BEGEGNET, DAS NEU ODER ÜBERRASCHEND WAR?

Holger Noltze: Das coole neue Format nicht. Wir wissen jetzt alle, was ein Wohnzimmerkonzert ist. Die Schaffung von Öffentlichkeit in einem intimen, privaten Raum hatte einen gewissen Neuigkeitswert. Das hat mich ein bisschen interessiert, wenn auch nicht begeistert. 

DU STELLST FEST, DASS VIELE ANGEBOTE ÄSTHETISCHER ERFAHRUNG IM NETZ EINE RELATIV GERADLINIGE VERLÄNGERUNG DES ANALOGEN SIND. WORAN LIEGT DAS?

Wir hängen in der ›Hochkultur‹ halt sehr am Analogen: Ich möchte, dass ich, wenn Traugott Buhre sich auf der Bühne schüttelt, den Schweißtropfen abkriegen kann. Wir lieben es, mit anderen in einer Kapsel zu sitzen und das gleiche Stück zu hören. Aber ist es nicht selbstverständlich, dass man an Konzerten teilnehmen kann, selbst wenn man nicht im Konzertsaal sitzt? Natürlich geht es nicht darum, dass es besser ist, wenn ich zuhause sitze. Aber es ist doch heute auch keine Frage mehr, dass Musik audiokonserviert verfügbar ist.

© VAN, Text: Hartmut Welscher, 7.10.2020

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