Das menschliche Zeitverständnis ist begrenzt. Wer kann sich Zeiträume von 10.000 Jahren und mehr vorstellen? Frank Herbert ließ in seinen „Wüstenplanet”-Romanen die Mensch­heit den nächsten Schritt tun. Er erfindet den Menschen, der die Erinnerungen von tausend Generationen in sich trägt.

Von Benedikt Schulz

„Sichtbare Veränderungen im natürlichen Universum sind ausnahmslos explosiv, sonst würde man sie nicht wahrnehmen. Sanft fortschreitende Veränderungen werden von Beobachtern, deren Zeit- und/oder-Aufmerksamkeitsspanne zu kurz ist, nicht gesehen.

Diese geistige Falle ruft sehr kurzfristige Konzepte von Effektivität und Konsequenz hervor; einen Zustand konstanter, ungeplanter Erwiderungen auf Krisen.“

Es ist ein existentielles Risiko für das Überleben der Menschheit, kommt aber auf leisen Sohlen daher: Der menschengemachte Klimawandel. Er sollte uns tief bewegen. Flankiert von bedrohlich wirkenden Diagrammen, Berechnungen, Statistiken, er lässt uns aber doch meist kalt.

Manchmal, da wird aus dem abstrakten Wissen reales Unbehagen und spürbare Sorge. Wenn etwa im dritten Hitzesommer in Folge die Blätter schon im August braun von den Bäumen fallen. Oder wenn der Leiter der jüngsten Expedition des Forschungsschiffes Polarstern in den Medien sagt:

„Wir haben dem arktischen Meereis beim Sterben zugesehen.“

Und wenn eine Generation junger Menschen auf der ganzen Welt auf der Straße den Druck erhöht, dass es so nicht weitergehen kann mit dem Klimaverhalten der Menschen, gibt es reales Unbehagen, dem kurze Zeit später wieder der Alltag folgt. Ohne spürbare Konsequenzen.

Ende der ‚50er-Jahre beobachtete der Journalist und bis dahin recht erfolglose amerikanische Schriftsteller Frank Herbert die Sanddünenlandschaft von Florence im Westküstenstaat Oregon. Er recherchierte für einen Artikel über ein Programm der US-Landwirtschaftsbehörde zur Stabilisierung der Dünen, um die Versandung der umliegenden Gebiete zu stoppen. Ein langfristig angelegtes Projekt mit langfristigen Folgen. Und der Schriftsteller Herbert, der einen Roman und vor allem Short Stories in diversen Pulp-Magazinen veröffentlicht hatte, begann nachzudenken: über Ökosysteme und deren Umwandlung, über langfristige Projekte, die weit über die eigene Lebenszeit hinaus geplant werden, und deren Folgen mehrere Generationen zu tragen haben.

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2020/11/01/ueber_das_menschliche_zeitverstaendnis_und_seine_dlf_20201101_0930_1c5457dd.mp3

© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 1.11.2020

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