„Teutonische Wucht für alle“ Als würde es kein Morgen geben: Zum 80. Geburtstag des Saxofonisten Peter Brötzmann.

Musik ist manchmal auch nur ein altes, müdes Wort. Doch vor Peter Brötzmanns teutonischer Wucht versagen Metaphern erst recht. Ekstaseveteran. Free-Jazz-Kaputnik. Improvisationsextremist. Von Gregor Dotzauer

Saxofonmuezzin. Lärmvandale. Konsonanzexorzist. Rohrreiniger vom Dienst. Keine Bezeichnung wird dem Furor gerecht, mit dem er sich den Weg freibläst zu den archaischeren Schichten einer Kunst, die, ob man sich nun von ihrer fröhlichen Zerstörungslust packen lässt oder vor ihr lieber Reißaus nimmt, am Ende eben unvermeidlich Musik bleibt.

Mit seinen Spalt- und Splitterklängen sprengt Peter Brötzmann jedes interesselose Wohlgefallen. Krähend, krächzend, rülpsend, quietschend, röhrend, hupend, tutend, zündet er eine Überblaskaskade nach der nächsten. Kaum ein Ton, der sich unter der vollen Breitseite, mit der er ihn nimmt, nicht verformen würde. Keine Floskel, an der man sich festhalten könnte.

Es ist ein Leichtes, Brötzmann vorzuhalten, oftmals gar nicht zu wissen, was er eigentlich spielt. Innerhalb dieser Willkür agiert er aber mit unvergleichlicher Souveränität. Es gibt Tausende, die handwerklich besser spielen, aber höchstens eine Handvoll, die bei seinem Powerplay mithalten können. Brötzmanns Ökonomie, mit der er als einer der wenigen Deutschen im Reich der improvisierten Musik Weltruhm erlangte, heißt Verschwendung bis zur Selbstaufgabe.

© Der Tagespiegel, Kultur, 5.3.2021

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