Wie man ein Land kleiner macht? Indem man versucht, ihm seine alte Größe zurückzugeben, schrieb der irische Kolumnist Fintan O’Toole anlässlich des Brexit-Vollzugs vor Kurzem in der Wochenzeitung Zeit. Von Julia Lorenz

Je stärker die Bedeutung Englands schwindet, desto verzweifelter appellieren die Machthaber:innen an den nationalistischen Größenwahn der Brit:innen. Besonders in der Coronakrise fuhr Boris Johnsons Regierung trumpeske Superlative auf, schreibt O’Toole: So wurden Maßnahmen nicht nur als „angemessen“ bezeichnet, sondern gleich als „weltweit beste“.

Im Mutterland des Punk weiß man, dass gegen diesen Heroismus keine linke Heldenerzählung hilft – sondern nur eine beinharte Realitätsklatsche. Und wahrscheinlich klingt gerade keine Band so brutal nach Realität wie das Duo Sleaford Mods aus Nottingham, das kommende Woche mit „Spare Ribs“ sein neues, elftes Album veröffentlicht.

Sänger Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn brauchten nicht mehr als einen Drumcomputer, ein paar dürre Bassläufe und Williamsons heiseren Sprechgesang, um sich eine unwahrscheinliche Gefolgschaft auf der ganzen Welt zu erschimpfen. Ihr von allem von Ballast befreiter Postpunk klingt sehnig und knochig, ihre Bühnenperformance grenzt an Arbeitsverweigerung: Williamson bellt das Publikum an, Fearn drückt kopfnickend Knöpfe an seinem Laptop.

Auch die junge Band Shame aus Südlondon zeigte vor drei Jahren dem Größenwahn mit Außenseitergeschichten den Mittelfinger: Er sei zwar ein hässlicher Typ mit gelben Zähnen, erklärte Sänger Charlie Steen im Song „One Rizla“ damals, das Portemonnaie sei leer und seine Lunge krankgeraucht – aber die Bestätigung eines anderen durch Liebe brauche er deshalb noch lange nicht.

Den geradlinigen Postpunk ihres gefeierten ersten Albums, „Songs Of Praise“, haben Shame auf ihrem zweiten Album, „Drunk Tank Pink“, gegen einen reicheren, experimentelleren Sound eingetauscht, der an alte US-Punkhelden wie Fugazi anknüpft, ohne sich je zu retromanisch anzuhören: Im Song „Nigel Hitter“ sind Shame nah am verdrehten Sound junger UK-Gitarrenbands wie Squid.

DIE ALBEN

Sleaford Mods: „Spare Ribs“ (Rough Trade/Beggars/Indigo).

Shame: „Drunk Tank Pink“ (Dead Oceans/Cargo).

© TAZ, Kultur, Musik, 9.1.2021

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