Ein Boxset mit Konzertaufnahmen aus Bremen zeigt die Finesse des US-Jazzbassisten Charles Mingus. Und, dass Heiliger Zorn Berge versetzen kann. Von Andreas Schäfler.

Ein wildes Intro vom Kontrabass, dann eine krumme Fanfare der Bläsersektion, zweimal wiederholt und von Klavier und Drums gestützt, bis sich das zickige Bebop-Motiv eingeprägt hat. Jetzt startet die Trompete einen Soloausflug, erst mit geschmeidigem Swing, danach immer freier und ungebärdiger. Sittsamer Beifall im Auditorium. Der Pianist ist dran, spielt sich zum Warmwerden durch einige Zitate alter Meister, um anschließend wie ein Berserker Blockakkorde aufeinander zu türmen.

Kurz bevor alles einstürzt, lässt er dem Tenorsaxofon den Vortritt, das den Erzählfluss in waghalsigen Kurvenfahrten zurück in den Blues-Parcours zwingt. Jedes Solo wird nach einigen Schrecksekunden höflich beklatscht. Doch selbst die Ensemble-Passagen arbeiten mit Texturen, die alles, was man zuvor unter Jazz verstand, aufs Äußerste strapazieren. Da kommt die Rückkehr zum merkwürdigen Fanfaren-Thema fast einer Erlösung gleich und mündet nach 26 Minuten in einen lebhaften Schlussapplaus.

Es ist der 16. April 1964, und der berühmt-berüchtigte US-Bandleader, Bassist und Jazz-Erneuerer Charles Mingus gastiert mit einem prominent besetzten Sextett gerade zum ersten Mal in Westdeutschland: Sie spielen vor 220 Zu­schaue­r:in­nen im Sendesaal Studio F von Radio Bremen. „Hope So Eric“ heißt das Auftaktstück dieses Konzerts, das im weiteren Verlauf noch zweieinhalb Stunden dauern sollte und in vieler Hinsicht überwältigend gewesen sein muss. Selbst als Anything-Goes-Verfechter:in wird man gehörig durchgeschüttelt, wenn man sich die nun veröffentlichten Aufnahmen zu Gemüte führt.

Charles Mingus: „Bremen 1964 & 1975“ (Sunnyside/GoodtoGo)

© TAZ, Kultur, Musik, 21.1.2021

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