SZ: 40 Jahre CD „Ein Wunder!“ Erinnerungen von Reinhard J. Brembeck

Vor vierzig Jahren führte Herbert von Karajan eine revolutionäre kleine Silberscheibe in die Welt der Klassik ein: die CD. Ein Sammler-Rückblick aus dem Streamingzeitalter.

Am Anfang war nicht das Wort, aber Herbert von Karajan, der für alle technischen Neuerungen begeisterte Dirigent. Wie alle nur reproduzierenden Musiker fürchtete er vor allem eines: das Verstummen. Denn sobald eine Klassikmusikerin oder ein Klassikmusiker nicht mehr kann oder gar tot ist, ist es vorbei mit der Kunst. Leider. Wie Bach Orgel oder Mozart Hammerklavier gespielt, wie Orlando di Lasso gesungen hat, wird man nie erfahren, so interessant das wäre. Karajan aber, der langjährige Chef der Berliner Philharmoniker, hat dafür gesorgt, dass man noch in Jahrmillionen Jahren hörend nachvollziehen kann, wie er Beethovens Sinfonien in den verschiedenen Phasen seiner Karriere immer wieder anders (und jedes Mal langsamer) dirigierte.

Es war der Anfang vom Ende der Plattengeschäft-Tempel

Ein Vorteil der CD war und ist ihre Kleinheit. Denn ein aus umweltverträglicher Pappe gefertigtes LP-Cover misst 31,5 mal 31,5 Zentimeter, eine (viel umweltschädigendes Plastik enthaltende) CD-Box nur 14 mal 12,5 Zentimeter, sie ist aber dreimal dicker als die LP. In die Jahre gekommene Klangästheten können sich noch an LP-Geschäfte erinnern, in denen eine Atmosphäre wie in einem Tempel herrschte, weil dort LPs andächtig und mit größter Vorsicht aufgelegt wurden. Denn nichts fürchtete man damals mehr als einen Kratzer auf der Scheibe. Der aber war letztlich unvermeidlich, und deshalb hat man manche Stücke nur mit dem regelmäßigen Aussetzer in Erinnerung, die solch ein Kratzer direkt und unauslöschlich in die Musik übertrug

Heute: Ohrstöpsel und Onlinemusik. Doch analoge Nerds halten dagegen

Herbert von Karajan ist 1989 gestorben, und seit Jahren geht der Verkauf von CDs zurück. Der Markt hat sich aufs Internet und Streamingdienste verlegt. Dem physischen Tonträger CD wird der baldige Tod vorausgesagt. Kaum mehr ein Jogger, Radfahrer, Fußgänger, Supermarktbesucher, der ohne Ohrstöpsel daherkommt, die via Handy mit einem Onlinemusik-Bereitsteller verbunden sind. Oft rieselt es gleichzeitig aus den Lautsprechern in Einkaufsmarkt, dem Aufzug und den Ohrstöpseln. John Cage hätte an dieser anarchischen Gleichzeitigkeit der Klänge seine Freude gehabt.

© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 14.4.2021

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