Stephanie Nilles: „I Pledge Allegiance To The Flag – The White Flag“ / Kompositionen von Charles Mingus im neuen Gewand

Wie wagt man sich an ein musikalisches Monument heran, ohne die eigene Originalität aufzugeben? Das zeigt exemplarisch eine junge amerikanische Pianistin. Die amerikanische Musikerin Stephanie Nilles ist ein Wunder an Vielseitigkeit. Jetzt überzeugt sie mit Kompositionen des legendären Jazzkomponisten und Bassisten Charles Mingus. Von Andreas Schäfler.

Sie sei keine Jazzpianistin, schreibt Stephanie Nilles im Begleittext zu ihrem neuen Album. Und ihre Musik swinge auch nicht. Wer sich die CD «I Pledge Allegiance To The Flag – The White Flag» anhört, auf der die amerikanische Sängerin und Pianistin allein zehn Stücke von Charles Mingus interpretiert, findet beide Aussagen jedoch rasch widerlegt.

Charles Mingus spielte hauptsächlich zwar Kontrabass, aber er war auch ein beachtlicher und eigenständiger Pianist. Und er hatte immer wieder herausragende Pianisten in seinen Bands (zum Beispiel Mal Waldron, Jaki Byard, Don Pullen). Das Mingus-Programm von Stephanie Nilles trägt bei allem Respekt für den Meister und seine Gesellen jedoch ihre eigene Signatur. Es geht weniger um einen Tribut im üblichen Sinn als vielmehr um überzeugende künstlerische Selbstermächtigung.

Trotzdem bekennt sich Stephanie Nilles ganz zu Charles Mingus’ künstlerischer und politischer Autorität. Das zeigt sich schon im Albumtitel: «I Pledge Allegiance to the Flag – The White Flag». Es handelt sich um ein Mingus-Zitat, um die Persiflage auf den amerikanischen Fahneneid. Der Musiker schwor zwar auf das nackte weisse Tuch der US-Flagge, aber ausdrücklich nicht auf ihre Stars and Stripes. Für Mingus war das ein Statement wider Rassismus und Diskriminierung. Stephanie Nilles schliesst sich seiner Haltung an.

© NZZ, Feuilleton, 26.4.2021

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