„Sprengung der Vertikale“ Zum 100. Geburtstag von Jimmy Giuffre

Er blies ein „cooles“ Tenorsaxophon, komponierte Third-Stream-Werke für Klarinette und Streicher und befreite den Jazz aus seinen Gefängnissen und Schablonen. Jimmy Giuffre (1921–2008) setzte in den 1950er-Jahren Entwicklungen in Gang, die in Ornette Colemans Free Jazz münden sollten. Von Hans-Jürgen Schaal.

Die Revolution kam von der Westküste – und sie kam auf sanften Sohlen. Jimmy Giuffre, der Tenorsaxophonist aus Texas, war nie ein Mann der lauten Töne, weder in der Musik noch im täglichen Leben. „Ich liebe das Ländliche, ich liebe friedliche Stimmungen“, sagte er einmal in einem Interview.

„Ich fürchte immer, jemanden zu verletzen. Ich streite nicht mit anderen, ich bin kein heftiger Mensch.“ Giuffre blieb häufig im Hintergrund, eigentlich wäre er lieber Komponist geworden. Bei Wesley La Violette (1894–1978), der in Chicago und ab 1938 in Los Angeles lehrte, hatte er Kontrapunkt studiert. Und es dauerte fünf Jahre, bis er begriff: Was er da lernte, war auch im Jazz anwendbar – nicht als formale Disziplinierung, sondern als harmonische Befreiung. Giuffre machte sich daran, die üblichen Strophenformen und Akkordwechsel im Jazz durch Kanons und polyphone Improvisation zu ersetzen. Die Lösung vom Harmoniegerüst empfand er als Befreiung aus „vertikalen Gefängnissen“: „Wenn du kontrapunktisch schreibst, denkst du nicht an vertikale Harmonien, aber im Hintergrund hast du die Harmonie der Pedaltöne.“

Als Ornette Coleman, der „Vater des Free Jazz“, seine ersten Platten machte (auf dem kalifornischen Label Contemporary), bekam die Westcoast-Revolution eine neue Richtung. Giuffre und Coleman trafen sich damals an der Lenox School bei Boston. „Ornette und ich hatten eine Jamsession“, erzählte Giuffre. „Wir schnitten die Halteseile durch, sprangen aus dem Flugzeug, und eine Menge wilder Dinge geschah. Wir wussten nicht, wie es klingen würde, aber es war eine Erlösung für mich.“

© nmz, 4/2021 – 70. Jahrgang

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