:Zoviet France lernte ich über die Kataloge „Recommended No Man’s Land“ kennen. Nach der Wende war das erst möglich. Für viele waren die Kataloge von 2001 so etwas wie ihre Bibel und bei mir traf das auf „Recommended No Man’s Land“ zu. Eine Band die immer wieder in diesen Heften auftauchte war :Zoviet France.

Nicht zuletzt wegen der unkonventionellen Cover. Da waren ein bedruckter Jutesack, bemalte Dachpappe, Holzkisten usw. Die Musik war geheimnisvoll.

Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, um Euch diese Band vorzustellen. Dazu habe ich ein zweistündiges Feature von Radio Alphawellen ausgesucht. Radio Alphawellen gibt es leider nicht mehr. Auf der Suche nach Material über :Zoviet France bin ich bei „Bad Alchemy“ fündig geworden (wo auch sonst!). Den Beitrag in „Bad Alchemy“ hat Jochen Kleinhenz 1992 geschrieben.

Zum Autor Jochen Kleinhenz:

  • Mitarbeit von 1989 bis 1996 bei Recommended No Man’s Land
  • Mitbegründer und Herausgeber von Testcard ( Ausgaben 1-5)
  • verfasste Texte für Bad Alchemy

Für meinen Beitrag war Jochen Kleinhenz so freundlich einen kurzen Text über :Zoviet France zu schreiben, warum Sie für ihn noch heute wichtig sind. Danke dafür !

Zum Beitrag auf Tricktaste / Jochen Kleinhenz und eines der seltenen Interviews mit Ben Ponton

Vorschau auf den Text von Johen Kleinhenz für Bad Alchemy siehe unten…

Ich bin vor allem ein Fan der ersten Phase von ZF, also grob von »Garista« bis »Shouting at the Ground«. Das könnte man zuerst auf die individuellen, handgefertigten Verpackungen zurückführen – ich habe etliche Originale aus der Zeit. Von diesen wiederum stellt die DoLP »Mohnomishe« (1983) für mich das gelungenste Album dar: Die bedruckten Holzplatten als Cover passen perfekt zu den 4 LP-Seiten. Der Sound ist unglaublich organisch, in den flächigeren Stücken genauso wie in den rhythmischen, die mich auch nach über 30 Jahren immer noch in höchstem Maße ansprechen.

»Popular Songs & Youth Music« ist das vielfältigste, heterogenste Album – hier kann man in manchen Stücken sehr deutlich den Prozess der freien Improvisation hören. Umso deutlicher zeigt »Mohnomishe«, was möglich ist, wenn auf dieser Basis der Improvisation Klänge generiert werden, die sich dann Schicht um Schicht überlagern. Vieles der Soundqualität liegt am Prozess (defektes Equipment, Magnetband vor der digitalen Ära) – Rauschen addiert sich, Feinheiten verwaschen, Bässe mutieren in der x-ten Kopiegeneration zu dumpfem Rumpeln. Die Klänge auf »Mohnomishe« schöpfen ihre ganze klangliche Faszination aus den Defiziten des Prozesses – das haben andere auch gemacht, aber nirgends ist so ein homogener Sound entstanden wie bei Zoviet France, und hier wie auf »Mohnomishe«.

Gleichzeitig bleiben die Stücke angenehm einfach, werden nicht mit klanglichen Gimmicks überladen, und erreichen so die Sogwirkung, die mich auch heute noch packt. Das gilt für die flächigen Stücke, die bizarre tropische Urzeit-Landschaften vor meinem Auge entstehen lassen, genauso wie für die rhythmischen, die zum besten gehören, was ich an tribaler, ritueller Musik kenne – aufgenommen mit defektem Equipment irgendwo im nördlichen England des ausgehenden 20. Jahrhunderts. ZF haben hier einen Signature Sound entwickelt, den sie auf späteren Veröffentlichungen teilweise gar nicht mehr erreichen konnten – es fällt auf, dass der Wechsel zu digitalem Equipment nicht nur Dur-Harmonien befördert hat, sondern auch eine gewisse Beliebigkeit. Ich habe auch neuere Alben von ZF, etwa »7.10.12.«, und da finden sich auch gute Momente. Aber mit der klanglichen und rhythmischen Magie (ich muss das so nennen) der ersten Jahre im Allgemeinen und »Mohnomishe« im Besonderen hat das nicht mehr viel zu tun. Ich bedauere das nicht – so bleibt »Mohnomishe« ein Album, das im Oeuvre von ZF ebenso eine Sonderstellung einnimmt wie in meiner Plattensammlung.© Text: Jochen Kleinhenz

PW für den Zugang: radiohoerer2020 / Datei hat kein PW

 

 

:Zoviet France war gegen Ende der 1980er Jahre eines der Projekte, die mich am meisten begeisterten – und es war ziemlich schwierig, an ihre Veröffentlichungen zu kommen. Das machte sie umso begehrenswerter …

Erschienen 1992 in Bad Alchemy #20.

ZOVIET FRANCE gehören zu den »INDUSTRIAL«-Gruppen der zweiten Generation; im zwölften Jahr ihres Bestehens haben sie bisher 17 Long-Player vorgelegt, wobei die Spieldauer der einzelnen Platten und Cassetten zwischen 20 Minuten und knapp drei Stunden schwankt; die meist handgemachten Cover und Verpackungen suchen ihresgleichen, ebenso der bizzarre Charme, den die Musik von :ZOVIET FRANCE enthält. Sie sind wahre Meister im Kultivieren eines Primitivismus, der nichts mit Dilettantismus, aber viel mit der Urbarmachung defekten Equipments für ihre Vorstellungen von zeitgemäßer Musik zu tun hat. Eine kleine Anthologie:

1981

»in 1981, three musicians came together to find a music that none of us had previously known – an ‘unknown music’. we rejected all of the conventional musical knowledge we had acquired up to that point and began working, on an improvisational basis, to achieve this. in doing so, we also moved away from relying on ready-made instruments and began making our own or using objects not normally regarded as musical instruments. we realised that sound was the real instrument we wanted to use, and therefore virtually anything could be adapted to this purpose.
once we realised that we were dealing principally with the manipulation of sound, it became obvious to us that sound reproducing equipment could also be exploited. we became particularly interested in the qualities of things like damaged microphones, malfunctioning tape recorders, distorted loudspeakers and poor quality tape. all of this became the foundation upon which the music we had discovered has been built. discovering music is the best way to describe what we do.«

Ben Ponton / :Zoviet France

2 Comments

  1. Zu erwähnen wäre dann an dieser Stelle vielleicht nochmals der kostenlose Podcast der Sowjetfranzosen “ Duck in a Tree „, schöner Titel..:
    https://zovietfrance.podbean.com/

    Ich habe Zoviet France damals bei Karl Lippegaus in den Speakeasy und Bordermusic Sendungen entdeckt, wo sonst auch. Ich beneide Dich, dass Du tatsächlich von den frühen CDs mit den originellen Covern welche besitzt, ich habe nur die Tapes mit Karls Sendungen wieder und wieder abgenudelt. Aber die wenigen Stücke, die ich von ihnen dadurch kannte, besaßen auch auf mich eine immense Faszination, wie sie die Neubauten z.B. irgendwann nicht mehr hatten.

    Pling-Plong
    1. Ok. Den Podcast hatte ich nicht mit erwähnt. Und wie ich es schon geschrieben habe, ohne die Kataloge von Recommended Records No Man’s Land hätte ich auch heute keine Ahnung von dieser Band. Niemand spielt ihre Musik heute. Was auch auf Biota zutrifft…. Die Cover von ZF sind schon cool.

      portfuzzle

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