Soundexpeditionen 4-2021/ Musik von Himukalt, Extrema Ratio, Francisco Meirino und Outside the Lines Vol. 4

Frühjahrsputz oder das große Ohrenputzen ist angesagt. Vom Undergrund aus Las Vegas zu einem wilden Gebräu einer Punk-Spoken-Jazz-Performance und elektroakustischer Musik aus dem Reich der Modularen Systeme, sowie einer Compilation über die britische Musikszene der anderen Seite.

Himukalt – Between The Teeth / The Helen Scarsdale Agency HMS059

Ihre Musik erinnert mich in ihrer Härte und Kompromisslosgkeit an meine Helden aus Industrial Zeiten.
So was wie Throbbing Gristle, SPK oder auch Puce Mary. Aber das auch nur entfernt. Wer mehr über Himukalt alias Ester Kärkkäinen erfahren will, über Ihre Anfänge und was sie weiter Interessiert, das hat sie mit dem Magazin ATTN besprochen.


lärm, stimme, elektronik, xerox. replikation und reproduktion des körpers durch klang, lust, wut, angst, etc.
heist es auf ihren Instagram account. Dort können auch die beeindruckenden Collagen die über Instagram
verbreitet, angeschaut werden.

Ester Kärkkäinen alias Himukalt lebt u.a. in Las Vegas und dokumentiert Ihre Arbeiten in Fotocollagen und Musikexperimenten. Gerade Las Vegas ist ein Ort wo Gegensätze ganz nah beieinander sind. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Sie setzt sich mit der Welt, die sich hinter der Reklamen befindet, dieser Scheinwelt auseinander. All die Menschen, die dafür hart arbeiten müssen, damit das alles funktioniert, Prostituierte, Tagelöhner und andere. So ist diese Musik so unversöhnlich wie diese Gegensätze. Himukalt klingt wie eine Rasierklinge, die all das offen legen will.


Ihre Musik ist aggressiv, bedrohlich, kraftvoll. Die eingesetzten Stimmfetzen oder Stimmfragmente geben dem ganzen ein Hauch von Authentizität, der hinter dem Schleier aus Noise steckt. Damit muss man sich auseinandersetzen und das sollten wir auch. Beeindruckend!


EXTREMA RATIO – A Dangerous Method / CD ADN DNN023C

EXTREMA RATIO sind nicht orthodox, sie sind heterogen und dissident, sie entfalten sich nicht durch zahme Codes, sondern durch Kollisionen und Reibungen, Anziehung und Abstoßung, Risswunden und Nähte in einer unerschöpflichen Herausforderung an das Unmögliche. Sie verweigern die Darstellung von Objekten, die Begriffe ausdrücken sollen Konzepte zwischen Vorzeichen des Abgrunds, absoluter Spannung und Sehnsucht nach dem Anderswo, sie nähren den schrägen Charme des Hybriden, des Unzuordenbaren, wo der Stil, in einem Mosaik von Knoten, zu sie zu einem Parameter und nicht zu einem Epigonen macht.

Labeltext

Gibt es eine bessere Eröffnung, wenn William S. Burroughs aus „Naked Lunch“ zitiert? Auch wenn das ein eher zaghafter Einstieg in diese Veröffentlichung ist. Ein wildes Saxofon, ekstatisches Geschrei, eine Performance die sich allen Schubladen entzieht. Das Debüt des italienischen Quartetts lässt in puncto Energie keine Wünsche offen.

Die gesprochenen, gesungenen und geschrienen Texte sind wichtig und deshalb kann man diese auch nachlesen.
Irgendwo zwischen Grindcore, Hardcore, Punk und was .xlaidox mit seiner Stimme alles veranstalten kann,
das ist schon beeindruckend. Nicht ohne Grund ist das Motto dieser Soundexpedition: Ohrenputzen und das ist ein überzeugendes Debüt!


Francisco Merino – The Process Of Significance / 4CD Misanthropic Agenda MAR055

Francisco Meirino (bis 2009 auch als Phroq bekannt, wenn er „mehr“ Lärm erzeugt). Mit Instrumenten wie modularen Synthesizern, Reel-to-Reel-Tonbandgeräten und verschiedener selbstgebauter Elektronik hat er mit Künstlern wie Leif Elggren, Michael Gendreau und Gerritt Wittmer zusammengearbeitet und schreibt auch für Ensembles für zeitgenössische Musik und Tanz mit Veröffentlichungen auf Labels wie The Helen Scarsdale Agency, (die gerade seine A New Instability LP veröffentlicht haben) Flag Days und Firework Editions.

Francisco Meirino gehört mit seiner Musik (nicht wenige werden behaupten, dass es keine Musik sei) zu einer Sparte der elektroakustischen Musik, die ihren Ursprung in der Music Concrete hat. Alles ist sehr Geräuschhaft, abstrakt, neben wenigen Fieldrecordings überwiegt das elektronische Instrumentarium. Es gibt ein längeres Interview wo er über seiner Arbeitsweise und seine Musik spricht.

Meirino Live am Modularsystem

Auf seiner Seite kann man folgendes dazu erfahren:

Seine Musik erforscht die Spannung zwischen programmierbarem Material und dem Potential seines Scheiterns. Ihn interessiert vor allem die Idee, das aufzuzeichnen, was nicht sein soll: Geräteausfälle, der Tod von Beschallungsanlagen, Magnetfelder und elektrostatische Geräusche und wie er sie radikal aus dem Zusammenhang gerissen einsetzen und hören kann.

Die Musik von Francisco Meirino fasziniert durch ihre physische Intensität und Detailgenauigkeit.

Meirino Homepage

Das Equipment

Jim Haynes hat für diese Box einen umfangreichen Text „Über die Belastungsgrenze hinaus“ geschrieben aus dem ich zitieren möchte.

Als ich mich erneut mit Francisco Meirinos Diskografie beschäftigte, um diese Liner Notes zu schreiben, hatte ich keine Lust, den Stift zu Papier zu bringen (ja, viele der ersten Notizen und Gedanken sind in ein Tagebuch gekritzelt), sondern ich ertappte mich dabei, dass ich mich ins Studio begeben wollte. So verwirrend ist seine Arbeit, so gewalttätig lebendig, so übernatürlich berührend, dass ich gezwungen war, mein eigenes verdammtes Geräusch als Antwort auf seins zu machen. Das Wort „inspirierend“ ist banal geworden und wird überstrapaziert als eine sentimentale Beschreibung. Deshalb sträube ich mich gegen seine Verwendung in diesem Kontext, aber es ist aber es ist trotzdem zutreffend.

Francisco Meirinos Arbeit sucht nicht nach Antworten durch diese metaphysischen und existenziellen Fragen. Der Akt des Aufstellens solcher Fragen nach der Natur unseres menschlichen Versagens und unserer Beziehung zu Technologie, uns selbst und unserer Umwelt zu stellen, ist mehr als genug, um uns innehalten zu lassen.

Jim Haynes „Beyond The Breaking Point“

Outside the Lines – Vol. 4 / Nonclassical

„Outside the Lines“ ist die jährliche Kompilation, die die vielfältigen kreativen Strömungen der britischen Musikszene und Komponisten, Instrumentalisten und Klangkünstler von den unscharfen Rändern der klassischen Musik zusammenbringt. Nonclassical wurde 2004 von Gabriel Prokofiev gegründet und hat sich zu einer wichtigen Plattform entwickelt.

„…sich ganz der Unterstützung der Arbeit neuer klassischer
Künstlern, Komponisten und Veranstaltern verschrieben, die die Regeln der klassischen Musik neu definieren.“

Elizabeth Alker, BBC Radio 3

Genreübergreifend und gegen alle Konventionen entwickeln, produzieren und fördern wir
innovative Musik – wir unterstützen aufstrebende Künstler und bringen neue Musik zu
neuem Publikum.

Nonclassical über sich selbst

Die Bandbreite ist wie immer groß und das macht ja auch den Reiz dieser Veröffentlichungen aus.
Mir persönlich gefallen die Kompositionen von Sasha Scott und Lottie Sadd am besten. Aber was heist das schon. Wenn zum Schluß Sophie Fetokaki mit deutschem Akzent ein Lied in der Art der klassischen deutschen Lieder ala Schubert singt, ist das irgendwie bezaubernd.

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