Was für eine Welt kann in 35 Minuten Musik enthalten sein? Wie klingt die Lieblingsmusik in einer leeren Wohnung in Reykjavík? Was wird mit den Klängen aus dem Amazonas-Gebiet? Elektronische Klänge gibt es häufiger, das letzte Jahr hat in uns allen seine Spuren hinterlassen. Viele waren eine lange Zeit zu Hause eingesperrt.

AI YAMAMOTO – Pan De Sonic – ISO / DL Someone Good RMSG025

So auch Ai Yamamoto welche in Melbourne, Australien lebt und dort mit ihrer Familie einen Lockdown von 3 Monaten erlebte. Wie geht man mit dieser Situation um, was macht man damit?

„Während dieser langen Wintermonate habe ich viele Proben meines Iso-Lebens aufgezeichnet, von
Morgens bis Abends. Im Laufe des Prozesses war ich ganz fasziniert von diesen
Klängen, von denen einige so vertraut und heimisch waren, dass ich beschloss, sie in Musik zu verwandeln.
Musik zu machen. Dabei wurden keine zusätzlichen Instrumente verwendet.
Alle Klänge dieses Albums bestehen ausschließlich aus Material, das ich von meinem Haushalt und den täglichen Verrichtungen aufgezeichnet habe. In diesen Tagen drehte sich alles um Routine, und die alltäglichen Dinge des Lebens wurden zu einer eine Art tägliches Ritual, das voller Wiederholungen war. Diese war die Initialzündung für dieses Album und es wird ein Dokument dieser kuriosen Zeit sein, das die uns alle in der Zukunft begleiten wird.“

Ai Yamamoto

Ich muss zugeben, dass ich von diesen 35 Minuten sehr fasziniert bin und es sehr oft gehört habe. Dabei dachte ich an die Musik von Federico Durand, der ebenfalls seine Musik zu Hause entwickelt. Und dessen Haushalt, wenn man so will, sein Instrument ist. Her werden die täglichen Rituale zur Musik. Es ist ein Feiern des Moments, des Augenblicks. Jene kostbaren und glücklichen Momente, die einen am Abend ein Glas Wein trinken lassen, während man der Sonne beim Untergehen zuschaut und einfach nur das Leben genießt. Wenn dann noch die Katze schnurrt, ist doch der Tag gerettet. Oder?


MARTINA BERTONI – Music for Empty Flats / Karlrecords KR083

Vom Haushalt mit Kindern und Katze in eine leere und unbewohnte Wohnung in Reykjavík wo Martina Bertoni
Weihnachten 2019 verbrachte und dort ihre Lieblingsmusik hörte. Hier wäre es interessant zu wissen, was das für
Musik war.

„Die Inspiration für die Titelmusik zu „Empty Flats“ stammt aus einer kurzen Zeit
während des letzten Winters, als ich Island besuchte. Ich hatte die seltsame
Gelegenheit, viel Zeit damit zu verbringen, Musik zu hören, allein in einer nagelneuen
aber unbewohnten – also völlig nackten – leeren Wohnung in den Vororten
von Reykjavík. Es war Weihnachten, es war ständig dunkel, draußen lag
Schnee, drinnen war dieser seltsame dystopische leere Raum, in dem ich
in völliger Einsamkeit meine Lieblingsmusikstücke hören konnte. Das war Moment
als ich anfing, die neue Platte zu skizzieren“

Martina Bertoni

Martina Bertoni, ist eine klassisch ausgebildete Cellistin und Komponistin. Sie entschied sich für die experimentelle Musik und schrieb Soundtracks für preisgekrönte Filme und Fernsehserien. Sie arbeitete u.a. mit Blixa Bargeld und
Teho Teardo zusammen, mit denen sie auch mehrere Platten aufnahm und auf Festivals auftrat.

In dieser einsamen Zeit ist eine Musik entstanden, in der ihr Cello fast nicht mehr hörbar ist. Es ist verschwunden, hat sich aufgelöst in Drones, welche jetzt leere Räume übernehmen. Auch wenn diese Musik Anfang 2020 entstanden ist, so passt sie doch sehr gut in jetzt entstandene leere Geschäfte, Einkaufszentren, welche die Pandemie hervorgebracht hat.
Große leere Räume in denen viele Lautsprecher stehen und in denen diese Musik wirken kann.
Wie ein Momument, das auch sehr fragil anmutet, aber keinesfalls hoffnungslos wirkt.


AUVINEN – Akoosaari / Editions Mego EMEGO286

Auch Johannes Auvinen, der als Tin Man in der Acid House Szene bekannt ist und seit 2010 Weltweit in Clubs auflegt, musste seine Aktivitäten einstellen. Die Clubs waren geschlossen.
Und so nutzte er die Zeit, um sich an seine Anfänge zu erinnern, als er in Plattenläden nach elektronischer Musik von u.a.
Jean-Michel Jarre, Brian Eno oder dem label mego ( Editions Mego) suchte. Aber auch nach den Soundtracks der Tarkovsky Filme.

Eine große Inspiration waren u.a. „Stalker“ und „Solaris“.
Auch gut zu hören im Titel: „Syksyn Jäät Ääntelee“ wo man die Geräusche wiedererkennen kann, welche im
Film „Stalker“ zu hören sind, wenn sie mit der Draisine durch die verbotenen Zone Fahren.

Hier gibt es ein sehr informatives Gespräch mit Johannes Auvinen als Künstler und zur neuen CD.

Reminiszenzen an u.a. Jean-Michel Jarre sind nicht zu überhören, aber sie bestimmen nicht die ganze Musik. Es setzt ein schönes Déjà-vu Gefühl ein. Das macht mir seine Musik auch so vertraut und ich schätze mal das wir die gleiche Musik damals gehört haben. Diese Musik ist eine gute Gelegenheit an die elektronische Musik der 80er Jahre zu denken und vielleicht findet man sich dann vor seinem Plattenregal und sucht nach bestimmten Platten.


LUCA FORCUCCI – De Rerum Natura / LFO Editions LFO002

Luca Forcucci ist eigentlich Architekt, aber noch viel mehr. Er erwarb einen PhD in Sonic Arts an der De Montfort University und einen MA in Sonic Arts an der Queens University of Belfast. Er studierte elektroakustische Musik bei dem Schweizer Komponisten Rainer Boesch in Genf.
Ein großer Einfluss auf seine Arbeit ist die verstorbene amerikanische Avantgarde-Komponistin und -Musikerin Pauline Oliveros und ihr Konzept des „Deep Listening“. Luca Forcuccis Forschung beobachtet die Wahrnehmungseigenschaften von Klang, Raum und Erinnerung. Seit 2008 arbeitet er mit Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Neurowissenschaften, der Wahrnehmung und der Biologie zusammen. Sehr vielfältig sind auch seine Installationen, die sich hauptsächlich um das Verhalten von Raum und Wahrnehmung drehen. Er hat sehr viel publiziert zu den oben genannten Themen und es ist sehr lohnenswert sich mit seinen ganzen Aktivitäten zu beschäftigen.

„De Rerum Natura“ oder „Über die Natur der Dinge“, so lautet der Titel. Dabei handelt es sich um Fieldrecordings aus dem Amazonas-Gebiet, entstanden November 2008 bei einem Aufenthalt im Mamori Kunstlabor. Man bekommt eine leichte und unwirkliche Ahnung wie es dort wirklich sein kann. Wie es sich dort der Regen, die Laute der Tiere überhaupt das ganze Gebiet anhört. Das Hören soll im Kopf des Hörers eine „virtuelle“ Realität auslösen, so stellt sich das Luca Forcucci vor. Gerade unter Kopfhörern ist es ein großes Vergnügen sich diesen Soundscapes hinzugeben und sich für eine halbe Stunde irgendwo am Amazonas wiederzufinden …


ASERET – Consciousness of Undefined / Midira Records MD089

„Das Ziel von ASERETs Werken ist es, den menschlichen Wert eines jeden Menschen wieder in den Vordergrund zu rücken und ihm durch die Musik die Möglichkeit zu geben sich zu identifizieren und seine eigenen Räume zu überdenken, im Gegensatz zu einer Welt zunehmend hektischer wird.“

Midira Records
“we can be conscious of what is undefined to us, accept it and take it with us on our strange path called life“

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