Der Fernseher ist ein Apparat, der zugleich glücklich und unglücklich macht; der Trost spendet und Dauer-Erregung auslöst; der einsam macht, aber ohne den man noch einsamer wäre; der die Welt ins Haus holt und sie zugleich ausschließt; der verbindet und zugleich isoliert.

Neuerdings verändert sich das Fernsehen noch einmal drastisch. Nicht nur, dass seine neue Technologie verschiedene Formen von „Connection“ vereint, dass die Flachbildschirme ungeahnte Dimensionen erreichen und unsere Wohnungen auf neue Weise beherrschen, dass sie sogar selber zu sehen beginnen.

Mehr und mehr wird das „lineare Fernsehen“ ersetzt durch ein subjektiviertes Programm. Das Fernsehen „kommt“ nicht mehr, man holt es sich. Dabei schrumpft die Programmvielfalt: Der enorme Bedarf an Bewegtbildern – und sei es, um zwischen den Werbeclips die Zuschauer am Ausschalten zu hindern – führt zu Standardisierung und Mainstreaming. Nischenprodukte, Fernsehen als Kultur, qualitäts- und neutralitätsverpflichteter Journalismus – all das wird nicht mehr, sondern weniger bzw. in Spartenkanäle abgeschoben. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist zudem von zwei Seiten Angriffen ausgesetzt, vom Rechtspopulismus, der alles ablehnt, was nicht dem eigenen Weltbild entspricht, und von einer Medienindustrie, für die Fernsehen ein rein ökonomisches Produkt ist. Das Fernsehen von morgen, so scheint es, ist wie das Fernsehen von heute, nur schlimmer. Aber das endlose Lamento soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Fernsehen die Gesellschaft, in der wir leben, maßgeblich mit geformt hat – im Guten wie im nicht so Guten. Niemand kann vom Fernsehen reden, ohne zugleich von sich selbst zu reden.

© Bayern2, Nachtstudio, 1.9.2020

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