Die anonyme Soul-Band Sault macht Protestsongs gegen Rassismus. Das Jahr 2020 hat diese spektakuläre Musik eigentlich gar nicht verdient. Bitter nötig ist sie trotzdem. Von Daniel Gerhardt

Auf Instagram warten inzwischen 25.000 Menschen darauf, dass etwas passiert. Wie nahezu alle anderen Bands unterhalten auch Sault dort ein Profil, es wurde sogar schon mit blauem Häkchen verifiziert. Die Mitglieder von Sault interagieren aber nicht mit ihrem Publikum, sie zeigen sich nicht und verraten auch nichts. Sie posten nur kurze Ausschnitte ihrer Songs, zusammen mit zwei Bildern, die schwarze Hände vor schwarzem Hintergrund zeigen. Einmal zum Gebet gefaltet, einmal zur Faust geballt. Wer diese Musikerinnen und Musiker sind, wo sie herkommen und was sie bisher gemacht haben, ist noch nicht abschließend geklärt. Was sie aber wollen, vermitteln Sault selbst in Sekundenschnipselform so unmissverständlich wie kein Musikact sonst gerade.

Sault machen Discomusik für das Jahr der geschlossenen Discos. Ihre Energie strebt auf die Straße, unter Menschen, die dort für ihr Recht auf Überleben demonstrieren. Zwei Alben hat die Band allein in den vergangenen dreieinhalb Monaten veröffentlicht. Fast jede darauf enthaltene Textzeile könnte auf den Plakaten der Black-Lives-Matter-Bewegung stehen, die im selben Zeitraum das Stadtbild zahlloser Orte auf der ganzen Welt geprägt haben. Sault sind Liveberichterstatter und Stichwortgeberinnen dieser Bewegung: 26 Tage nach der Ermordung des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten am 25. Mai in Minneapolis veröffentlichte die Band mit Untitled (Black Is) eine einstündige Platte, die sich Auf- und Verarbeitung des Verbrechens zugleich widmete.

Man wird Sault nicht begreifen, indem man herausfindet, wer sie sind. Man kann dieser Band nur zuhören, nach draußen blicken und hoffentlich verstehen, was sie antreibt.

© Zeit-Online, Kultur, Musik, 10.10.2020

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