Retrokolumne vom 21.7.2015

Im Pop gilt eine etwas asymmetrische Zeitrechnung: Die Dekaden, wie sie im Kalender stehen, decken sich nicht mit
den Dekadenschritten der populären Kultur. Die Fünfziger beginnen mit Elvis’ Aufnahmen für Sun Records, also
erst 1954, und enden vielleicht 1958 mit dem Gefreiten Presley beim Militär. Dann folgt ein schwarzes Loch, das auf
dem Newport Folk Festival 1965 einen elektrifizierten Dylan ausspuckt, der mit großem Kabumm die Sechziger
eindengelt – Rock, Gitarren, Politik, Drogen –, die allerdings 1969 in Altamont schon wieder kollabieren. Die
Siebziger mit Supergruppen wie Blind Faith oder Crosby, Stills, Nash & Young sind extrem kurz und schaffen es grade
mal vom „Concert for Bangla Desh“ 1971 bis kurz vor den Ölpreisschock, weil bereits 1972 mit dem ersten Album
von Roxy Music die Achtziger anbrechen, ein sehnsuchtsvolles Warten aufs große Zukunftschristkind, das nie kommen
wird und nie gekommen ist: „no future“ eben. Die frühen Achtziger versanden dann irgendwann um 1983 im
Klärbecken der Neuen Deutschen Welle und einem stilistischen Innehalten weltweit. Hört man heute Produktionen
wie „Hinterland“ (Warp) von LoneLady alias Julie Ann Campbell, fühlt man sich in jene glücklichen Jahre des „Do It
Yourself“, der Regelverletzung und Experimentierfreude zurückversetzt: Bässe schnalzen auf und arrangieren
sich zum weißen Funk-Ableger jener imaginierten Achtziger, einem Funk, der immer einen Besenstiel im Hintern
zu haben schien, aber trotzdem ebenjenen in Bewegung versetzte; elektronische Drum-Effekte mucken auf. Frauen
nehmen an allen Instrumenten ihren Platz ein, androgyne Wesen, selbstbewusst und selbstverständlich.
LoneLady ahnt, dass das Potenzial dieser Zeit noch lange nicht ausgeschöpft ist und behauptet Kontinuität.
lonelady-hinterland
Wiederveröffentlichungen aus den frühen Achtzigern, zusammen mit der Musealisierung dieser Epoche, die momentan
mit „Geniale Dilletanten“ im Münchner Haus der Kunst einen Höhepunkt erreicht, erleichtern die Wahrnehmung
dieses Potenzials jenseits von Schulterpolster und Besenfrisur. Es ist gerade jene feminin-feministische Lässigkeit
der Original-LoneLadys, der Einzelkämpferinnen im bis dahin männlich dominierten Gitarrengejaule, die
eine Tür in unsere Gegenwart aufgestoßen hat: Véronique Vincent war die Sängerin eines belgischen, sehr europä-
isch gestimmten Musikerkonglomerats, das sich mal The Honeymoon Killers, mal Aksak Maboul nannte, das mal die
schiere Freude am Pop, mal die Freiheit des Experiments auslotete, indem man auf feste Bandcharakteristik und Identitätszuschreibung verzichtete. Um 1982 verschwand dieses lebenslustige Häuflein, alle Protagonisten wandten sich
anderen Projekten zu – Marc Hollander etwa führt in Brüssel immer noch das Label Crammed Discs. Jetzt erst wird
„Ex-Futur Album“ (Crammed Discs), ein letztes Werk, nachgereicht: so frisch, so lebensfroh wie einst im ewigen
Mai. Was aber stört, wie auf vielen Re-Issues: das Bonus-Material. Es hält dem Vergleich mit den eigentlichen
Aufnahmen selten stand.
Veronique-Vincent-Aksak-Maboul-Ex-Futur-Album-Cover
Gänzlich ohne Bonus kommt das Re-Issue von „Dann macht es Bumm“ (Gutfeeling) aus, dem Geburtsmoment von
etwas, das in Deutschland bald FunPunk heißen sollte und mit dem man viel mehr Geld verdienen konnte als mit
Punk, der keinen Fun machen wollte, aber egal. Das Bonus-Material könnte eh nur aus einer Single mit dem Titel
„Jung kaputt spart Altersheime“ bestehen. Tata: Bärchen und die Milchbubis sind wieder da, wie damals als Vinylplatte,
wie heute als Download. Es fällt auch nach 35 Jahren um keinen Deut schwerer, sich in die herzallerliebste Krachmusik
dieser Spaßgören aus Hannover zu verlieben. Und wer sich aus irgendeinem Grund um seinen Nachwuchs
sorgt: Aus Bärchen wurde eine honorige Designchefin und aus einem der Milchbubis ein Physikprofessor.
Also: cool bleiben, liebe Eltern.
baercove
Nicht ganz so gnädig war die Zeit zu Lena Platonos und ihrer 1985 erschienenen Platte „Gallop“, die vom amerikanischen
Wiederveröffentlichungsspezialisten Dark Entries neu herausgebracht worden ist. Man merkt Platonos an,
dass sie sich auf etwas fremd wirkendem Terrain bewegte, dass viele Arrangements eher Missverständnisse oder
Hybridbildungen englischer New Wave waren. Aber das griechische Liebesund Lebensjammern zu diesen einst
modernen Beats hat heute etwas Anrührendes. Und halb Griechenland behauptet, es sei eine sehr einflussreiche Platte
gewesen: Wer würde im Moment wagen, einem Griechen zu widersprechen?
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karl bruckmaier
retro 21_7_2015
(c) süddeutsche zeitung 21.7.2015