Release Tipp: Rutger Hoedemaekers – The Age Of Oddities / fatcat Records

Rutger Hoedemaekers tritt mit seinem Debütalbum aus dem Schatten von Jóhann Jóhannsson. Als Freund und Studiokollege arbeitete er an Filmprojekten wie „Mercy“, „Mother!“ oder auch „Trapped“ mit ihm zusammen. Jetzt können wir hören, was sie verbindet und wo Rutger eigene Wege geht.


Der Niederländer Rutger Hoedemaekers wurde 1976 geboren und mit einem Commodore Amiga 500 begannen seine ersten Versuche mit elektronischer Musik. Über seine Mitwirkung in verschiedenen Bands und als Produzent landete er schließlich 2007 in Berlin.

Zusammen mit zwei Freunden baute Hoedemaekers 2010 eine 3.500 Quadratmeter große Fabrikhalle in Kreuzberg zu einem modularen Studio mit neun Räumen um. Das namenlose Studio wurde schnell zu einem florierenden kreativen Zentrum für eine Gemeinschaft herausragender Komponisten und Musiker. Zu den Bewohnern gehörten Jóhannsson, Guðnadóttir, Dustin O’Halloran, Kira Kira und später auch Gunnar Örn Tynes von Múm und Yair Elazar Glotman. Das Gebäude, in dem das Studio viele Jahre existierte, wurde verkauft und war somit ein weiterer Grund für Rutger Hoedemaekers Berlin zu verlassen.

2015 wurde Rutger von Jóhannsson gebeten, zusammen mit Hildur Guðnadóttir eine Filmmusik für die isländische Krimiserie „Trapped“ zu komponieren, die einen Edda Award für die beste Musik gewann. Nach diesem Erfolg arbeitete Rutger erneut mit Jóhann an den Filmmusiken für Darren Aronofskys „Mother! (2017) und James Marshs ‚The Mercy‘ (2018), für die er ebenfalls zusätzliche Musik komponierte. Danach komponierte Hoedemaekers seinen ersten Spielfilm als Solokomponist, für die deutsche Produktion „Der letzte Berliner“ (2018), und zuletzt die Hulu / Arte France Produktion „No Man’s Land“ (2020).


Rutger Hoedemaekers

„Die Vocals wurden zu einer persönlichen Reflexion über das anfängliche Gefühl der Machtlosigkeit angesichts globaler Probleme, die sich zu groß anfühlen, um sie allein zu ergründen, geschweige denn als Ganzes, und für die eine klare, dringend benötigte Stimme manchmal zu fehlen schien. Die Maskierung der Stimmen wurde für mich zu einer Darstellung der Realität vor der Revolution, dem Moment, in dem das Problem existiert, aber noch nicht für die breite Öffentlichkeit sichtbar geworden ist. Die Stimmen existieren, werden aber noch nicht von allen gehört.“

Rutger Hoedemaekers

Rutger Hoedemaekers Studio / Ausschnitt


Der Titel geht auf ein Poem von Lord Byron’s Don Juan zurück. Übertragen lautet es: das Zeitalter der Kuriositäten.
Titel wie „There’s No Going Back, For Any Of Us“ oder „Think Us Better Than We Are“, sagen viel über den Zustand der Welt und wie ihn Rutger sieht, aus. Wir entkommen nicht aus der Verantwortung für unsere Taten. So ist es auch eine Trauer um den Zustand unserer Welt, der Gesellschaft. Hoedemaekers hat nichts dem Zufall überlassen und sich mit dem 23-köpfigen Budapest Art Orchestra zusammengetan, zusammen mit Kira Kira, Else Torp, Laura Jansen, Morris Kliphuis, Hilary Jeffery, Una Sveinbjarnardóttir und Viktor Orri Árnason an Gesang, Horn, Posaune und Geige.
Doch bei aller Großzügigkeit im Klang wirkt das Timbre intim, ein Spiegelbild von Hoedemaekers nächtlichen Solo-Studio-Sessions, bei denen alles an seinen Platz fiel: leise, nachdenklich, dankbar.


Eine frühe, zögerliche Version von „The Invention Of The Moon“, die aus einem aufsteigenden, einzelnen Hornthema und einem überlagerten, absteigenden Streichermuster entstand, lebte lange Zeit auf meiner Festplatte. Es kam erst vollständig zusammen, als ich es mit einem Streichquartett und Kira Kiras improvisiertem Gesang (basierend auf einem Gedicht, das sie auf Isländisch geschrieben hatte) bei einem Gedenkkonzert für Jóhann in Reykjavík aufführte. Die geladene Performance veranlasste Kristín und mich, am nächsten Tag eine emotionale Version des Stücks aufzunehmen, die ich mit nach Berlin nahm, um sie schließlich zu dem elektronischen, fast-vocoderartigen Sound zu verarbeiten, der sie jetzt ist. Else Torp (Theatre Of Voices), eine fantastische Sopranistin und häufige Mitarbeiterin von Jóhann, vollendete das Stück, indem sie die Gesangsmelodie verdoppelte, sodass man manchmal ein einzelnes Horn, Kristins bearbeiteten Gesang, Elses Sopran oder eine Mischung aus den dreien hören kann.

Rutger Hoedemaekers zu „The Invention Of The Moon“

Dieses Stück entstand eigentlich aus der Aufnahmesession des Albums, die ich mit dem Budapest Art Orchestra und dem Dirigenten Viktor Orri Árnason gemacht habe. Ich wollte versuchen, eine dieser Orchesteraufnahmen zu nehmen und sie rückwärts abzuspielen, sodass die umgekehrten Noten neue, unerwartete Melodien bilden würden. Ich versuchte, eine umgekehrte Aufnahme der Theatre of Voices-Sopranistin Else Torp hinzuzufügen, die wir zusammen in Kopenhagen für ein anderes Stück des Albums gemacht hatten, nur um zu sehen, was passieren würde.

Da es sich nicht völlig lächerlich anhörte, begann ich, einige ihrer Töne umzupolen, damit sie zu den Streichern passten, und dann schrieb ich zusätzliche Teile und Melodien für das umgekehrte Orchester und die Sopranistin, kehrte diese Teile ebenfalls um, spielte sie durch Hall und Delays und kehrte dann alles zusammen noch einmal um. Das Ergebnis ist ein leicht verwirrendes Stück, das sich – sollte man es umgekehrt spielen – hoffentlich immer noch mehr oder weniger natürlich anfühlt.

Rutger Hoedemaekers über „Not For That Hour, Nor For That Place“

released March 5, 2021


„The Age Of Oddities“ ist ein komplexes, bewegendes Album. Man hat das Gefühl, aus der Dunkelheit ins Licht transportiert zu werden. Es überrascht nicht, dass sich die Musik angesichts von Hoedemaekers‘ Hintergrund unglaublich filmisch anfühlt, vor allem in Bezug auf seine Fähigkeit, emotionale Komplexität zu vermitteln. Es braucht einen erfahrenen Musiker, um solch starke Emotionen hervorzurufen und ein Werk zu schaffen, das einen in den Bann zieht und die Aufmerksamkeit durchgehend aufrechterhält. Interessant ist es auf jeden Fall, wie er die Stimme einbezieht; nicht in einer opernhaften oder gar chorischen Weise, sondern als Textur, als eigenständiges Instrument. In Verbindung mit gleichzeitig einsetzendem Horn oder auch Trompete wird eine bemerkenswerte Wirkung erzielt, die für mich am nachhaltigsten bleibt. Alles in allem ist dieses Werk ein Abschied und ein Aufbruch. Und ich hoffe in Zukunft noch mehr von Rutger Hoedemaekers zu hören.

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