Welche Wucht Musik tatsächlich erreichen kann, ist nur selten erfahrbar. Das Australian Art Orchester hat mit „Sometimes Home Can Grow Stranger Than Space“ ein erfahrbares Bespiel veröffentlicht.

Was mich am allermeisten verwundert ist die Tatsache, dass ich dieses Orchester gar nicht auf dem Plan hatte. Ein Video mit einem Konzert von Kim Myhr und dem Australian Art Orchestra fand ich nicht so toll, und so hatte ich mich um Ihre weiteren Veröffentlichungen gar nicht gekümmert. Was sich als ganz falsch herausstellen sollte.

„Dies ist eine stimmungsvolle Sammlung von Kompositionen“, sagt Peter Knight, „wobei jedes Stück einen ganz anderen Ansatz verfolgt, um mit diesem Thema umzugehen. Es ist evokative, viszerale und lyrische Musik, gespielt von einem Ensemble aus unglaublichen Musikern.“

peter Knight

Aber kommen wir zu „Sometimes Home Can Grow Stranger Than Space“. Es ist eine Suite aus drei Sätzen, die vom Australian Art Orchestra in Auftrag gegeben wurde, um den hundertsten Jahrestag des in Australien gefeierten Waffenstillstandstages 2018 zu begehen. Es soll als Reaktion auf die Berichte in der Publikation World War One: A History in 100 Stories von Bruce Scates, Rebecca Wheatley und Laura James verstanden werden.

Die Geschichten der Kriege wurden auf den Schlachtfeldern geschrieben. „Sometimes Home Can Grow Stranger Than Space“ ist die Geschichte derer, die aus den Kriegen nach Australien zurückkehren. Die durch Gasangriffe vergifteten, die Krüppel, die Geisteskranken, all die irreparabel Geschädigten, die versuchten, nach dem Krieg ein „normales“ Leben aufzunehmen. Und es ist die Geschichte von denen, die zu Hause blieben und mit dem Verlust Ihrer Kinder oder Ehemänner umgehen mussten.

Der erste Satz dieser Suite ist das zweiteilige „Sharp Folds“, geschrieben vom künstlerischen Leiter des AAO, dem Trompeter und Elektroniker Peter Knight. Diese Komposition imaginiert den Kummer von Garry und Berta Roberts, die sich nie vom Verlust ihres Sohnes Frank erholten. Knight schrieb ein Gedicht, für die lähmende Tragödie der Familie Roberts. Vorgetragen, gesungen wird dieses Gedicht eindringlich von Georgie Darvidis und zusammen mit dem lyrischen Trompetenspiel von Knight bildet es eine wunderschöne, ergreifende Einheit.
Der zweite Satz dieser Suite ist das dreiteilige „I Was Only A Child“, komponiert vom Elektroniker Tilman Robinson. Das Stück enthält ein Sample eines unbekannten Schülers, der ein Interview mit einem unbekannten Weltkriegs-Veteranen führt, und manipuliert die Antwort des Veteranen in ein sich wiederholendes rhythmisches Muster, das langsam seine ursprüngliche Bedeutung verliert, sich sogar auflöst und durch eine weitere Variation des Samples, elektronischer Manipulation wird daraus eine eindringliche Warnung, dass so etwas nie wieder passieren darf.

“Cry heart, but never break. Let your tears of grief and sadness help begin new life.”

Text taken from Cry, Heart, But Never Break by Glenn Ringtved, illus. by Charlotte Pardi,
and translated by Robert Moulthrop


Der letzte Satz ist das vierteilige „Bent Heart“, komponiert von der Pianistin Andrea Keller. Diese Komposition spiegelt vier Geschichten von Frauen wider, deren Leben unerbittlich vom Ersten Weltkrieg beeinflusst wurde.

„Mein Stück ist eine musikalische Mahnwache für mutige Frauen, die ihrer Zeit voraus waren“, sagt Andrea. „Es nimmt die Worte dieser Frauen und derer, die sie kannten, und setzt sie in eine musikalische Partitur.“

Gerade der 3. Satz „Bent Heart“ ( Gekrümmtes Herz) von Andrea Keller ging mir emotional sehr nahe. „Cry Heart, But Never Break“ (Weine Herz, aber brich niemals.) nennt sich der letzte Teil dieses 3. Satzes. Hier bricht noch einmal alles hervor. Der Wahnsinn des Krieges und die Trauer, die noch bis heute nachhallt. So eine eindringliche Musik mit so einer großen Wirkung habe ich lang nicht mehr gehört. Das Ganze wird von einem hervorragenden Orchester gespielt und mit einer Wirkung der man sich kaum entziehen kann.

Released November 11, 2020

Peter Knight – composition/trumpet/electronics
Andrea Keller – composition/piano
Tilman Robinson – composition/electronics
Georgie Darvidis – voice
Lizzy Welsh – violin
Aviva Endean – bass clarinet
James Macaulay – trombone
Jacques Emery – bass
Simon Barker – drums

Recorded and mixed by Jem Savage
Mastered by Joe Talia

AAO Artistic Director – Peter Knight
AAO Executive Producer – Jerry Remkes

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