Es ist das Ende einer Ära der Filmmusik: Il Maestro, der große Ennio Morricone ist gestorben. „Seine Hinterlassenschaft ist groß und ein Garten voller Schönheit“, schwärmt der Filmpublizist und Italofilm-Experte Christian Keßler in einem öffentlich auf Facebook geposteten Nachruf.

Es war bekanntlich der Italowestern, der Morricone weltberühmt machte – und vielleicht auch Morricone, der den Italowestern weltberühmt machte, gerade indem er die Dinge anders anging als Hollywood-Komponisten, die oft im Raum des Naheliegenden fischten. Demgegenüber „baute Morricone völlig irre Geschichten in seine Kompositionen ein, sizilianische Maultrommeln etwa, wilden Kreischgesang oder Alessandronis Zaubergitarre. Auch Lacerenzas Trompete war ein fester Bestandteil von Ennios Westernzirkus. Spieluhren und andere atypische Elemente rundeten das dann ab.“ Kurz: „Er konnte Sachen, die andere Leute nicht können.“ Dem kann Andreas Kilb in der FAZ nur beipflichten: „Morricone schrieb eine Musik, die sich atmosphärisch mit den Elementen der Handlung vollsog: StöhnenFluchenPeitschenknallenPferdegetrappelGlockenläutenPistolenschüsse.“ Es ist auch klar, woher dieser freie Zugang zur Musik kam, ist Gerhard Middings Nachruf auf ZeitOnline zu entnehmen: „Früh begeisterte er sich für die musikalische Moderne, suchte bei den Darmstädter Ferienkursen die Begegnung mit Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen, arbeitete später mit John Cage.“ Toll psychedelisch ist seine Musik zur wunderbar verdrogten Nachtclubszene in Mario Bavas Camp-Spaß „Danger Diabolik“ mit – ja, man sieht ihn kurz – Michel Piccoli:

Für Fritz Göttler in der SZ ist klar: Morricones „Musiken sind wohl die einzigen, in denen das chorische Klagen nicht zum Gesäusel wird.“ Kein Wunder, denn „alles, was er komponierte, war bis ins letzte Detail durchdacht„, schreibt Marc Zollinger in der NZZ: „Sein Hang zum Perfektionismus trieb ihn an. Es war letztlich eine nicht enden wollende Suche nach dem absoluten Ton: Erscheint dieser zum Greifen nahe, ist er bereits wieder entwischt. Die ‚dynamische Immobilität‚, wie er es nannte, stellte für Ennio Morricone das größte Mysterium des Lebens dar.“ Dass er meist nur auf seine Westernmusiken beschränkt wird, sah der Maestro, der auch im Bereich der Avantgarde tätig war, im übrigen gar nicht gern, erinnert sich Christian Schachinger im Standard: „Von gut 600 Kompositionen in seinem Leben würden schließlich nur höchstens fünf Prozent dieser Ecke zugeordnet werden können.“ The Quietus sammelt internationale Stimmen von Popmusikern. Und auch wiederum wunderbar schmelzenden Italo-Pop komponierte Morricone:

© Perlentaucher, Efeu,7.7.2020 //Text + Links + Videoauswahl: Efeu

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