Von akustischen Explosionen und Geräuschimpulsen, die sich in kein Notensystem zwingen lassen: Dem rebellischen Tenorsaxophonisten Pharoah Sanders zum achtzigsten Geburtstag.

Alle Saxophonisten wollen singen. Oder mit ihrem Instrument Geschichten erzählen. Pharoah Sanders wollte, wenn er spielte, immer schreien. Nicht mit weit aufgerissenen Augen wie der vor Angst gepeinigte Mensch auf Edvard Munchs berühmtem Gemälde. Auch nicht mit der ohnmächtigen Wut eines „Sangue“ brüllenden Othello. Und schon gar nicht wie Riccardo im verzweifelten Liebesduett mit Amelia in Verdis Maskenball. Pharoah Sanders wollte mit seinem Saxophon schreien wie die Prediger in den Baptistenkirchen von Old Alabama – aus tiefster Seele, einer aufgewühlten Gemeinde unmittelbar zu Herzen gehend, auch wenn seine Vision geistlicher Orientierung den Suren des Korans entsprang.

Der große John Coltrane muss diese unbändige Energie gespürt haben, als er 1964 Pharoah Sanders im New Yorker Village Gate hörte und ihm wenig später einen Platz in seiner eigenen Gruppe anbot. Für einen weiteren Tenorsaxophonisten neben sich? Konnte das gutgehen? Es wurde zu einem überwältigenden Naturereignis. Coltranes spirituellen Klangstrom ließ Pharoah Sanders mit seinen von allen irdischen Saxophontönen losgelösten Überblasattacken zu einer wahren Sturmflut anschwellen, nachzuhören auf vielen gemeinsamen Alben zwischen 1965 und 1967. Darunter befinden sich auch die Jahrhundertaufnahme „Ascension“ und die spektakulären Einspielungen „Meditations“, „Kulu Sé Mama“ und „Live at the Village Vanguard Again!“ sowie das erst nach Coltranes frühem Tod herausgebrachte Album „Om“.

Recorded live in Leverkusen, Germany, 19th October 1999.

© FAZ, Feuilleton, 13.10.2020

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