Open Sounds: Kernklangwerke

Kompositionen reagieren auf Reaktorkatastrophen. Strahlende SoundArt aus Fukushima und Tschernobyl. Mit Jacob Kirkegaard und Markus Aust und Gerhard Schick.

Nuclear-Boy ist ein kleines Comic-Atomkraftwerk, das im Jahr 2011 Kindern in Japan erklärte, die Havarie des Kernkraftwerks in Fukushima sei nur ein winziger Störfall, ein kleiner stinkender Haufen, und die großen Brüder Harrisburg und Tschernobyl seien ja viel schlimmer. Eine ordentliche Windel – schwupp – schon ist alles wieder gut verpackt. Eine spezielle Variante der Beruhigungsrhetorik – aber auch hierzulande übten sich Lobbyisten nach Reaktorkatastrophen immer wieder im Sound der Beschwichtigung. Die Klangwelt der Atomunfälle ist eine andere: Sirenengeheul, gespenstische Stille, zögerlich vorgetragene Schadensmeldungen, hektisch rennende Uniformierte, Befehle und Flüche. „Nuclear-Boy“ ist ein Remix verstrahlter Medienlandschaften und radioaktiver Klangwolken zwischen Aktionismus und Fassungslosigkeit. Originalaufnahmen aus internationalen Atom-Ruinen treffen auf den medialen Soundtrack zum GAU. Markus Aust, geboren 1967 in Recklinghausen, ist Komponist für Film, Fernsehen, Bühne und Konzert. Außerdem Kurzfilme und Installationskunst. Gerhard Schick, geboren 1970, arbeitet als Filmautor, Kameramann und Cutter.  

Wermutstropfen: Der Name des Unglücksorts Tschernobyl (der eigentlich Beifuß bedeutet) wird oft irrtümlich mit Wermut übersetzt. Die Verwechslung führte u. a. zu der populären Anschauung, die Reaktorkatastrophe sei in der biblischen Offenbarung ( 8,11) vorausgesagt worden. Dort heißt es: „Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren.“ Der dänische Medienkünstler Jacob Kirkegaard knüpft im Titel  seiner Komposition “Wermutstropfen“ daran an und kontrastiert Aufnahmen aus aktiven finnischen Kernkraftwerken mit Dokumenten gespenstischer Stille aus einer Kirche und einem Schwimmbad in Tschernobyl. Jacob Kirkegaard, geboren 1975 in Dänemark. Studium an der Kunsthochschule für Medien, Köln. Medienkünstler, Musiker und Klangtheoretiker. Zahlreiche Ausstellungen, Konzerte, Filmmusiken, Radioarbeiten und CD-Veröffentlichungen.

Nuclear-Boy
Von Markus Aust und Gerhard Schick
Realisation: die Autoren
Produktion: WDR 2012

Wermutstropfen
von Jacob Kirkegaard
Realisation: der Autor
Produktion: WDR 2011

© WDR 3, Open Sounds, 13.3.2021

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