Nach hören …

Ein Mann sitzt am Klavier (einem speziellen Disklavier). Er spielt einen einfachen Moll-Dreiklang. Aus diesen vertrauten drei Tönen entsteht ein fremdartiger Refrain. Der Mann am Klavier spielt einen anderen Ton, sagen wir G, drei Oktaven höher – als sein Mittelfinger eine bestimmte schwarze Taste berührt, hören wir plötzlich das Geräusch menschlichen Lachens, wie es in einem Käfig von Schimpansen klingt, zusammen mit den holprigen Ausbrüchen von Russolos Intonarumori sowie einem breit klingenden Wasserhahn einer Männertoilette eines berühmten Frauen-Colleges in Kalifornien.

Mit diesem „imaginary beginning“ beschreibt Alvin Curran seine Aufnahmen, die er in den frühen 1980ern unter der Brooklyn Bridge machen konnte. Wie ein Anthropologe, sammelte er die Klänge dieser gleichzeitig nahen und fernen Welt. 2010 lässt Curran die von Legenden umwobene Brücke New Yorks auf eine neue Weise erklingen und ihre Geschichten erzählen. Dabei trifft Fats Waller’s „Ain’t Misbehavin’“ auf Aphex Twin oder die Geister von Conlon Nancarrow, Beethoven und Scelsi steuern Klänge zu diesem Orchester bei. Und ein Chor von Stimmen auf Jiddisch erzählt die Geschichte eines Rabbis, der sich im Schnee verirrt hat.

Alvin Curran, geboren 1938 in Providence/Rhode Island, lebt als Komponist und Klangkünstler in Rom. Studium der Komposition bei Ron Nelson, Elliott Carter und Mel Powell. Gemeinsam mit Frederic Rzewski und Richard Teitelbaum gründete er 1966 das lmprovisationsensemble »Musica Elettronica Viva«. 1988 wurde zum Gedenken an die jüdischen Novemberpogrome 1938 „Crystal Psalms“ uraufgeführt. Auszeichnungen: u. a. Guggenheim Foundation 2004, Prix Phonurgia Nova 2005, Stipendium des Gutenberg Forschungskollegs Mainz (2010/11).

Komposition und Realisation: Alvin Curran
(Produktion SWR, ZKM Karlsruhe 2010/11)

© SWR 2, Hörspiel-Studio,22.9.2016

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