Er hat die Soul-Tradition erneuert mit originellen Liedern und innigen Gesängen. Und er hat synthetische Sounds in die Pop-Musik eingeführt. Vor allem wollte Stevie Wonder aber die Welt verbessern. Jetzt ist er siebzig geworden.

Es ist nicht immer leicht, Stevie Wonder zu sein. Bisweilen hat man mit dem eigenen, überschäumenden Talent um eine bleibende Form zu ringen. Die musikalischen Urkräfte können nämlich zu einem reissenden Fluss werden durch die Klippen der Leidenschaft. Emotion und Mission generieren dabei einen Hochdruck an Soul und Funk, dem kein Ventil gewachsen scheint. Dann schwankt der Sänger zwischen süssem Pathos und religiöser Ekstase.

Am Piano sieht man Stevie Wonder dann erzittern unter den Schockwellen rhythmischer Elektrizität. Er lässt den Kopf wiegen im Nacken, mit ächzendem Lächeln blickt er blind in die Weiten seiner musikalischen Phantasie. Gleichzeitig schwimmen die Finger durch die schwarz-weisse Klaviatur und suchen sich am Heck eines Hits, am Bug eines Gospels festzukrallen. Wenn seine geschmeidige Stimme aber den Refrain findet und feiert als frohe Botschaft, dann triumphiert der schwitzende Musikerpriester über die elementaren Impulse seiner Inspirationen.

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© NZZ, Feuilleton, 13.5.2020

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