NZZ: Stefan Hentz zum 100. Geburtstag von Dave Brubeck „Jazzpianist mit klassischem Flair“

Dave Brubeck war nicht der einflussreichste Jazzpianist. Aber er wurde zum Mann der Stunde, als sich die Musik ein neues Publikum erschloss. Seine Karriere nahm ihren Anfang in der klassischen Musik, doch Dave Brubeck wurde zum weissen Pop-Star des Jazz. Seinen Erfolg verdankte er vor allem dem Hit „Take Five“.

8. November 1954. Von der Titelseite des «Time Magazine» schaut ein Mann auf die Leser und Leserinnen herab. Er wirkt jugendlich. Aber die leicht angegrauten Haare über der hohen Stirn deuten eine gnädige Reife an. Und die grosse Hornbrille symbolisiert Nachdenklichkeit und Sensibilität. Ein bisschen Nerd, ein bisschen Elvis Costello, denkt man sich aus heutiger Sicht. Und ein bisschen ist er auch ein Jedermann: Dave Brubeck, geboren am 6. Dezember 1920.

Die schemenhaften Musikinstrumente im Hintergrund des Bildes – Drumsticks, Kontrabass, Saxofon und vor allem ein Klavier – umreissen das Reich, in dem dieser Mann vom «Time Magazine» als König des Jazz inthronisiert wird: als Dave I. Nach Louis Armstrong ist es erst der zweite König auf diesem Thron und wird der einzige mit weisser Hautfarbe bleiben. Nur Duke Ellington, Thelonious Monk und Wynton Marsalis werden ihm auf späteren «Time»-Titeln nachfolgen.

Andererseits hatte die Mutter im Hause Brubeck ein strenges Musikregime errichtet: kein Radio, keine Schallplatten. Wer Musik hören wollte, musste eben selbst welche machen. Und was seine Mutter und seine Brüder spielten, das gefiel auch Dave. Er war ebenfalls begabt, er lernte unter der Anleitung seiner Mutter, Klavier zu spielen, und verinnerlichte das harmonische Raffinement und die formale Strenge der klassischen Musik. Doch statt sich mit den Notentexten des klassischen Repertoires abzumühen, hatte der junge Pianist Spass daran, mit eigenen musikalischen Ideen zu experimentieren, in denen er Klänge und Rhythmen aus seinem Alltagsleben verarbeitete – von der Ranch, den Tieren und Maschinen bis zu den Sounds der Natur.

© NZZ, Feuilleton, 6.12.2020

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