Kaum ein Solist hat den Jazz in den letzten Dekaden so inspiriert wie Keith Jarrett. Was ist Improvisation? Niemand weiss das besser, niemand kennt sich damit besser aus als Keith Jarrett. Von Ueli Bernays

Immer wieder hat sich der amerikanische Pianist an einen Flügel gesetzt und vor ein angespanntes Publikum, um der Inspiration freien Lauf zu lassen. So auch im Juli 2016 in der Béla Bartók National Concert Hall in Budapest.

Bevor er in die Tasten greift, muss er den Kopf senken, leeren, klären. Alles ist erlaubt! Aber alles Bekannte, alles Verbrauchte soll weg aus den Sinnen, damit Neues erklingen kann. Dies jedenfalls ist der Anspruch, den ein Keith Jarrett an sich stellt. Das ästhetische Postulat sorgt auch zuverlässig für Spannung und Passion. Aber es wird nie ganz erfüllt. Vielmehr erweist sich das Improvisieren auch bei Jarrett als dialektisches Spiel zwischen Alt und Neu. Das musikalische Abenteuer wird nicht nur von Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit angeleitet, sondern auch durch Vorwissen und Virtuosität.

Aus Material wird Musik

Plötzlich führt Keith Jarrett seine Hände über die ausladende Klaviatur. Unvermittelt fallen ein paar Klänge in die Stille. Der erste Impuls streut sie dann gleich über die hohen, die mittleren und die tiefen Register. So ist der Solist mit einem Material konfrontiert. Damit daraus seine Musik wird, muss er es nun gestalten – rhythmisch, harmonisch oder melodisch.

© NZZ, Feuilleton, 11.11.2020

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