Wer sich musikalisch entwickeln will, der wird üben. Dabei besteht nicht nur die Hoffnung auf künstlerische Fortschritte. Das regelmässige Spielen fördert auch die Konzentration. Üben kann allerdings auch eine Folter sein.

Von Ueli Bernays

Nur noch die Schläge des Metronoms. Der Kontrabass lehnt ratlos auf meiner Schulter. Ich versuche mich an einer Etüde, schon ziemlich lange. Anfangs lief alles okay, später bin ich an einer heiklen Stelle steckengeblieben. Die linke Hand zaudert, flach wie müde Hämmerchen liegen die Finger im Tal der tiefen Saite. Derweil lässt die rechte Hand den Bogen ratlos hängen.

Die Aufgabe der Finger wäre es, sich auf dem Griffbrett geschmeidig bis zu einem hohen Es emporzuarbeiten. Dieser Ton stellt an sich schon eine Herausforderung dar. Nicht umsonst nimmt er sich grafisch wie ein von Hilfslinien bedrängtes, ja quasi stranguliertes Köpfchen aus, das es zu retten gilt. Aber nicht das schwindlige Es, der melodisch gestaffelte Lauf dorthin wäre das Ziel. Ich habe sicher schon sieben, acht Mal Anlauf geholt, bin aber stets gescheitert – am Tempo, am Rhythmus, an der Intonation; an allem gleichzeitig, zumeist. Dabei, das kann man sich im Notentext vor Augen führen, ginge es von diesem dramatischen Höhepunkt aus dann auch wieder zurück in die Tiefe….

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© NZZ, Feuilleton, 28.9.2019

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