Die siebziger Jahre waren geprägt von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Unter dieser Bedingung steigerte sich die Vielfalt der Pop-Kultur, wie zwei lesenswerte Publikationen zeigen.

Tom Wolfe sprach von den siebziger Jahren einst als vom «Ich-Jahrzehnt», das die «Wir-Dekade» der sechziger Jahre abgelöst habe. Die Auflösungserscheinungen hielt er für offensichtlich. Die Gegenkultur war mit ihrer Revolution kollektiv gescheitert. Noch nicht einmal das Minimalziel, den Vietnamkrieg zu beenden, hatte sie erreicht. Ihre «grosse Erzählung» erwies sich letztlich als zu idealistisch. Also versuchte man es von nun an mit vielen kleineren.

Enttäuschter Idealismus verwandelte sich nun in Pragmatismus und gelegentlich auch in freudlose Radikalität. Die Idee der Befreiung sollte sich im Leben bewähren, und das ging nicht ohne Spezialisierung. Die einst geschlossene oder sich zumindest als Gemeinschaft verstehende Gruppe der «beautiful people» differenzierte sich in viele kleine Separat-Kulturen aus: in die Frauen-, Kinderladen-, Umwelt-, Anti-Atomkraft- und Sponti-Bewegung, die kommunistischen K-Gruppen und nicht zuletzt die «Stadtguerilla», die dann bitteren Ernst machte. Hier kanalisierte sich das gegenkulturelle Engagement, hier arbeitete man sich an den konkreten Verhältnissen ab – wie die tapfer zur Frühschicht vor den Fabriken stehenden Kader, die ihre Flugblätter einfach nicht loswurden….

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© NZZ, Feuilleton, 27.6.2020

Jens Balzer: Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er (Rowohlt Berlin, Berlin 2019. 431 S., 38.90 Fr.).

Ernst Hofacker: Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts (Reclam, Ditzingen 2020, 350 S., 40.90 Fr.).

 

2 Comments

  1. ich befürchte, ich werde kein geld für jens balzer ausgeben. geschichte, lernt man als erstes beim geschichtsstudium, muss man mit den augen der damals lebenden und nicht mit den besserwisserischen der jetztzeit betrachten – und jens balzer mit seiner bewertung von david bowie und iggy pop als „kindericker“ ist nun mal wirklich nichr wirklich mein ding. kann er gerne der jugend, die den ganzen tag nur urteile fällen statt verstehen will, verkaufen.

    1. klaus walter wiederum ist kompetent. und das war der letzte beitrag von balzer, den ich auf meinem „das ohr ist der weg“ gepostet habe. seitdem „entflohe“ ich meine liste.

      daß er das mit dem „hitler war der erste rockstar“ und seine öffentlich ironisch zelebrierte selbstkritik bei bowie schlicht nicht versteht und lieber am „skandal“ lutscht, macht die sache auch nicht besser. ja, es gab in den 70ern mit bowie, elvis costello und eric clapton ein paar trmporär rassistische „trollereien“, die den dreien nachher furchtbar peinlich waren. aber ich war bowie’s selbsterkenntnis in sachen hitler eigentlich eher verdammt dankbar, weil sie ja auch von uns sprach, die wir unsere idole anbeten. kann man verstehen oder 50 jahre später ein dummes riesending machen, weil es sich verkauft.

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