NZZ: Bill Frisell: „Sie lasen keine Noten. Ich musste ihnen jedes Stück vorspielen, und in Nullkommanichts hatten sie es drauf. Es war unglaublich“

Bill Frisell zählt zu den einflussreichsten Gitarristen des zeitgenössischen Jazz. Doch seine Musikalität kennt stilistisch keine Grenzen – und sie schliesst auch Nashville ein. Von Christoph Wagner.

Bill Frisell, Sie sind in Denver, Colorado, aufgewachsen, zogen Ende der 1970er Jahre nach New York, in die Welthauptstadt des Jazz. Haben Sie dort gleich Fuss gefasst?

Das dauerte seine Zeit. Wir versuchten uns irgendwie durchzuschlagen. Meine Frau nahm schlechtbezahlte Jobs an, während ich bei Hochzeiten und in Hotelbars spielte, nur um über die Runden zu kommen. Vom Studium her kannte ich den Gitarristen Pat Metheny, der mich dem Schlagzeuger Paul Motian empfahl, was sich als Rettung erwies. Im Januar 1981 bekam ich einen Anruf von Motian. Wir trafen uns in seinem Apartment für eine Session, und es lief gut. Ende 1981 gingen wir auf Tournee nach Europa und nahmen unser erstes Album auf. Von da an ging es bergauf.

Sie tauchten dann in der Avantgarde-Szene um John Zorn auf. Wie sind Sie dort gelandet?

Durch Paul Motian lernte ich den Saxofonisten Tim Berne kennen, der in einem Schallplattengeschäft in SoHo arbeitete, wo auch John Zorn beschäftigt war. Wir kamen ins Gespräch. Zorn lud mich zu seinem nächsten Konzert ein, was ein Schock war – radikalste Brachialklänge. Nach dem Konzert fragte er mich, ob ich beim nächsten Auftritt einsteigen wolle. Er lud mich zur Probe in sein Apartment ein, um das Stück vorzubereiten. Alle Musiker seines Ensembles waren da: Arto Lindsay, Fred Frith, Anthony Coleman und viele mehr. Ich kannte niemanden, aber an diesem Abend lernte ich die ganze Gang kennen. Alles war neu für mich und ging auch musikalisch gegen meinen Instinkt, doch ich liess mich darauf ein und war bald Teil dieser Clique.

© NZZ, Feuilleton, 17.3.2021

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