Dass er der Schmerzensmann des Psychopop ist, beweist Nick Cave in diesem Song mit allen darstellerischen Mitteln. Allein das Video ist ein lebendiges Altarbild. Steht am Ende Verdammnis oder Erlösung?

Von Stefan Trinks

Hieronymus im Gehäus – oder: Locked in forever that’s not a long time!

Der Song „Mercy Seat“ auf dem 1988 erschienenen Album „Tender Prey“  kann als Erkennungslied für Caves Werk insgesamt gelten – kaum ein Konzert seither, auf dem es nicht gespielt worden wäre. Bereits das Cover der Platte mit seiner Schrift in Blutrot und Pechschwarz zeigt die Pole, zwischen denen sich Caves Leben und seine Lyrik aufspannt: Gott versus Verdammnis und innere Höllenqualen. Auf dem Single-Cover ist Cave nur mit einem weißen Unterhemd bekleidet, kauert in der Ecke eines Raumes, der mit seinen nackten Ziegelwänden an eine Gefängniszelle denken lässt. An die schrundige Wand gepinnt ist ein billiger Druck mit Christus darauf. Indem Cave von schräg oben fotografiert ist, sieht man seinen linken Arm nur im Anschnitt, den er schützend vor den Körper genommen hat. Fast mitleiderregend in sich verkrümmt wirft er einen Schatten, bei dem der Arm monströs aus seinem Kopf herauswächst. Der Schatten wirkt nicht weniger als dämonisch. Noch dazu spoilert der dunkle Kerl: Er wirft seinen langen Schatten voraus auf den Ausgang der Geschichte, weshalb diese Vorwegnahmen im Englischen auch treffend „foreshadowing“ genannt werden. Der Insasse ist gefangen, hängt irgendwo zwischen Nahtod und Hölle. Sein Foto wurde dem Musikvideo zu dem Song entnommen, dessen Gefängnisszenen ebenfalls in Schwarzweiß gedreht wurden; die gegengeschnittenen Szenen mit der Band darin sind hingegen in Farbe. Somit bildet die Zelle auf dem Coverfoto die hohle Gasse in die Unterwelt der platonischen Höhle des Musikvideos:

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© blogs, faz.net, pop-anthologie, 12.11.2017 // Zeichnung von hugh van schaick

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