Neue Kammermusiker in Witten 2021 „So klingen Bilder von Matisse“ von Max Nyffeler

Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik findet sich Zivilisationsschrott neben Weltraumwundern, Technik wird zur postmodernen Spielerei, aber Hugues Dufourt brilliert mit altmeisterlicher Könnerschaft.

Die Veränderungen im Verhältnis von zeitgenössischer Musik und Technik wären eine genauere Betrachtung wert. Mit dem Aufkommen der Reihentechnik vor hundert Jahren rückte der Aspekt der Technik ins Zentrum kompositorischer Aufmerksamkeit, und seine glanzvollsten Momente erlebte dieses neue Musikverständnis nach dem Zweiten Weltkrieg, als Pioniere wie Pierre Schaeffer und Pierre Henry in Paris die Musique concrète und Karlheinz Stockhausen in Köln die elektronische Musik erschufen. Ein nachhaltiger Entwicklungsschub im Zeichen des musikalischen Fortschritts war die Folge. In der Computerära hat sich jedoch das Verhältnis von Musik und Technik gewandelt, denn diese ist inzwischen vom Motor des Fortschritts zum Spielgeld für postmoderne Komponisten geworden. Sie betrachten die virtuellen Klänge als Material wie jedes andere und schenken dem emanzipatorischen Potential, das der Technik auch innewohnt, kaum noch Aufmerksamkeit.

Gastkomponist in Witten war diesmal der 1965 geborene Franzose Brice Pauset. Er reflektiert gründlich sein Metier und antwortet auf neugierige Fragen gern mit „Alles ist sehr kompliziert“. Mit den Tasteninstrumenten ist er eng vertraut, er hat die Musik der französischen Clavecinisten studiert und auch schon ein Cembalo gebaut. Einen repräsentativen Einblick in seine Klangwelt gaben ein groß dimensioniertes Klavierkonzert, in dem Orchester und Soloinstrument ein genau strukturiertes, wandelbares Klanggemenge bilden, sowie, von Pauset selbst gespielt, eine Folge von Préludes für Cembalo und ein neues Stück für Hammerflügel. Dazu kam das audiovisuelle Großprojekt „Vertigo“. Die hochprofessionell realisierte Verbindung von Instrumentalklang, Computersound und abstrakten Farbmustern lässt ein virtuelles Spektakel entstehen, das mit seinem fluktuierenden Gestaltenreichtum den Schwindeleffekten des Kinozauberers Hitchcock nachspürt. Der hohe Abstraktionsgrad des Materials steht der erwünschten Wirkung aber etwas im Weg.

© FAZ, Feuilleton, Bühne und Konzert, 27.4.2021

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