Durch zehn Stationen führt Hans Magnus Enzensbergers Hörspiel „Nacht über Dublin“, das im Wesentlichen auf dem 15. Kapitel, dem sogenannten Circe-Kapitel, des Ulysses fußt.

Joyce greift dort erneut die Motive Vater und Sohn, Geburt und Tod, Treue und Verrat, Genie und Niedrigkeit, Lust und Zeugung, Größe und Untergang, Traum und Wirklichkeit auf.

Hans Magnus Enzensberger versteht sein „irisches Pandämonium“ als ein Spiel aus Stimmen, das mit den Mitteln des Radios das große Welttheater des Romans von James Joyce wie in einem winzigen Spiegel zu fassen sucht: die Mythen, die Stationen, die Grundfiguren.

Enzensberger beschreibt sein Projekt so: „Die Bühne dieses modernen Welttheaters ist die Vorstellungskraft. Die Stimmen Blooms und Stephens, Mollys und Mulligans sind die Stimmen Jedermanns. Das mittelalterliche Mysterienspiel vom Jedermann kannte nicht Akt und Szene, es war ein episches Theater avant la lettre, eingerichtet in ›Stationen‹ wie ein Kreuzweg oder eine Reise durch Zeit und Raum. So ist auch unser Spiel gebaut.“

Die Bühnenfassung Ulysses in Nighttown von Marjorie Barkentin wurde am 5. Juni 1958 Off-Broadway uraufgeführt und war äußerst erfolgreich. 2004 erinnert sich der damals 75-jährige britische Blogger Michael Allen, dass er als junger Mann diese Aufführung gesehen hat: „Ich habe nie eine Theaterproduktion gesehen, die dieser auch nur annähernd entsprochen hätte« […] Das war eine verdammt gute Show. Ich lebe in der Hoffnung, etwas noch Eindrucksvolleres zu sehen, bevor ich sterbe, aber es sieht nicht danach aus.“

© HR 2, Hörspiel, 17.1.2021

„Nacht über Dublin“ Hörspiel von James Joyce

Aus dem Englischen von Georg Goyert

Hörspielbearbeitung: Hans Magnus Enzensberger
nach der Bühnenfassung von Marjorie Barkentin und Padraic Colum

Mit Robert Graf, Hans Mahnke, Rolf Becker, Lola Müthel, Pinkas Braun u.a.

Musik: Johannes Aschenbrenner

Regie: Ludwig Cremer

hr 1960

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