Töne und Klänge hören, diese uralte Form akustischer Kontemplation, bietet offenbar kein hinlängliches Vergnügen mehr. Musik sehen, dies ist die neueste Attraktion. Und diese bedenkliche Entwicklung hat eine erstaunliche Kehrseite.

Mit einem Begeisterungssturm sondergleichen habe das Publikum dem Stardirigenten Teodor Currentzis gedankt für das Schauspiel, das er bei der Aufführung von Giuseppe Verdis Messa da Requiem in der Elbphilharmonie vorführte: „Nach dem finalen Morendo des ‹Libera me›“, so berichtete es Jürgen Kesting in der „Frankfurter Allgemeinen“, „verharrte Currentzis, das Gesicht in beide Hände gesenkt, 45 Sekunden. Das Publikum reagierte auf diese quasisakrale ‹Es ist vollbracht›-Geste mit gellendem, brüllendem, kreischendem Beifall.“

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© NZZ, Feuilleton, 16.7.2019

Han­ne­lo­re Schlaf­fer ist Literaturwissenschafterin und Publizistin. Nach ihrer Habilitation über Goethes «Wil­helm Meis­ter» lehrte sie bis 2001 an den Universitäten in Frei­burg i. Br. und Mün­chen. Seit 1980 schreibt sie Beiträge für ver­schie­de­ne gros­se Zei­tun­gen so­wie fürs Ra­dio.

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