Michael Wollny: „Jeder Mensch muss hin und wieder mal alles rauslassen“

Michael Wollny im Interview mit Reinhard Köchl. Der Jazzpianist Michael Wollny hat im Frühjahr in der Corona-Isolation ein Album aufgenommen. Im Interview erzählt er, was damals inspirierend war und was jetzt fehlt.

Alleinsein bedeutet nicht zwingend, allein zu sein. Der Jazz bevorzugt hier die „Alone Together“-Variante. Denn mit irgendwas lässt sich immer kommunizieren. Mit Bäumen, Häuserzeilen, Tischen, dem eigenen Instrument oder einfach dadurch, in einen inneren Dialog mit sich selbst zu treten. Als Michael Wollny nach langer Zeit wieder eine Soloaufnahme plante, war nicht vorherzusehen, dass diese mitten in den globalen Corona-Stillstand fallen würde.

Wollny kann vieles, auch schreiben, formulieren. Entsprechend nonkonformistisch gestalten sich auch Interviews mit dem gebürtigen Schweinfurter, der seit 2014 als Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig wirkt. Das funktioniert in nahezu jedem Rahmen und nicht zuletzt in einem Hotelzimmer im norwegischen Halden, etwa eineinhalb Stunden südlich von Oslo gelegen. Dort ist Michael Wollny eingesperrt. „Ich habe Zeit. Was soll ich auch sonst tun, außer warten?“

ZEIT ONLINE: Sie befinden sich gerade in Quarantäne. Hat es Sie jetzt auch erwischt?

Michael Wollny: Zum Glück nicht. Das, was mir gerade widerfährt, ist wohl die mildeste Form von Isolation, die es gibt. Ich bin gestern Nachmittag gelandet, wurde sofort am Flughafen getestet und bin dann mit dem Auto direkt ins Hotel gebracht worden. Hier bleibe ich jetzt auf meinem Zimmer und warte auf eine SMS mit meinem Testergebnis. Die kann heute Abend kommen, aber auch erst in ein paar Tagen (was dann tatsächlich der Fall war, Anm. d. Red.). Dieses Prozedere muss zurzeit durchlaufen, wer nach Norwegen einreist, um hier zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie verbringen Sie Ihren Tag?

Michael Wollny: Bis jetzt fühlt es sich wie ein ganz normaler Ferientag an: Ich habe lange geschlafen, liege in meinem Bett und lasse den Tag kommen. Aber irgendwann könnte schon die Zeit drängen. Ich bin ja nicht hierhergekommen, um Urlaub zu machen. Seit zwei Jahren bin ich etwa zwei- bis dreimal pro Jahr in Halden, um als Artist in Residence mit dem Norwegian Wind Ensemble unter der Leitung von Geir Lysne, einem frei improvisierenden, klassischen Orchester aus Blasinstrumenten, Programme zu erarbeiten, mit denen wir dann später einige Konzerte in Norwegen spielen wollen.

© Zeit-Online, Kultur, 28.9.2020

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