Megaphone von Hans-Jürgen Linke ©(Jazzthetik 9/10 2014)

Jetzt auch Frankreich, das manchen während der letzten Jahre wie ein Rückzugsort des alten Europa erschienen war. Der neue Hörfunkdirektor von Radio France, Mathieu Gallet, war angetreten mit dem verdächtigen Slogan „Mehr Musik, weniger Musikwissenschaft“. Das im Laufe der Zeit ohnehin schon gefledderte Jazzprogramm wurde noch einmal drastisch gekürzt, der langjährige Redakteur des Bureau de Jazz, Xavier Prévost, darf keine Konzerte mehr organisieren und wird sowieso demnächst aus Altersgründen entlassen.
Nicht unmittelbar, aber mittelbar damit in einem engen Zusammenhang wurde das Centre d’information du jazz geschlossen, ein öffentlich-rechtliches Musikinformationszentrum, das seine Infrastruktur mit dem Centre d‘information du rock et des variétés unter dem Dach der IRMA (Centre d’informations et de ressources pour les musiques actuelles) geteilt hat. Das IRMA konzentriert sich nunmehr auf die allgemeine Verwaltung der Ressourcen und hat spezialisierte Sparten-Informations-Abteilungen schließen müssen. Es geht aber bei all dem nicht um den Jazz. Das wäre zu viel der Feinde, zu viel der Ehre. Jazz ist ein kleines Minderheiten-Segment in der an Minderheiten-Segmenten nicht armen Welt des öffentlich-rechtlichen Hörfunks im alten Europa. Diese Welt ist eine Kampfzone geworden, auch in Deutschland.
Zu den Tatsachen gehört hier inzwischen, dass Vertreter der Hochkultur – und der Jazz ist unbedingt dazuzurechnen – sowie die der Hörspiele, der E-Musik, überhaupt der inhaltlich ambitioniert oder konsistent konzipierten Programme und elaborierteren Wortbeiträge, sich in einigen Sendern schon wie eine bedrohte Minderheit fühlen. Dort, wo in diesen Rundfunksendern die Leute sitzen, die rechnen müssen (ob sie das wirklich können?), hat sich Ungeduld ausgebreitet. Eine Ungeduld, mit der darauf gewartet wird, dass die Hochkultur-Interessenvertreter in den Ruhestand verschwinden, damit sich das sogenannte Formatradio weiter ausbreiten kann, ohne dass es ständig zu öffentlichen Stellungnahmen und Aufbäumungen im Namen von Instanzen wie Qualitätsjournalismus und Kulturauftrag kommt. Die Chancen stehen nicht schlecht für die Kostensenker. Wer Worte wie Qualitätsjournalismus und Kulturauftrag im Munde führt und zum legitimierenden Anliegen des Rundfunks erklärt, ist heute in der Regel über 50. Ist die ganze Aufregung also nur ein Zeichen für den Generationenwechsel? Ist es wirklich so, dass die nachwachsende Generation Dudelfunk und Quotenradio vorzieht und Qualitätsjournalismus und den öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag für überflüssig hält?
Hier die Kolumne im Wortlaut

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