„Masturbation und Revolution“ Arabischer Frühling und Porno Von Youssef Rakha

„Eines Nachts gab ich ›arabisch‹ in die Suchleiste einer Pornoseite ein, und mein Leben war nicht mehr dasselbe“. Zwei Dinge, die nicht zusammengehören: Pornographie gilt in Ägypten als Ausdruck westlicher Dekadenz, also als un-arabisch.

Von Youssef Rakha / Aus dem Englischen von Milena Adam

Der Journalist Youssef Rakha entdeckt hier eine Spiegelwelt, in der wenig über Lust, viel aber über Verdrängung zu erfahren ist. Denn die eigentliche Enthüllung besteht nicht im gezeigten Sex, sondern in den abstrusen Settings, die inszeniert werden müssen, um überhaupt Sex haben zu können (oft noch halb bekleidet, mit älteren Männern, in Abstellkammern von Krankenhäusern). Rakha sieht in arabischen Pornos einen exakten Ausdruck der allgegenwärtigen Doppelmoral: Schlupfwege zu suchen, um das Verbotene zu tun, aber nichts dafür zu tun, dass sich die Verhältnisse ändern, die dank dieser Verbote existieren.
Dieses Versagen sieht er auch bei den Protagonisten des Arabischen Frühlings. Sie genossen mehr die Bilder einer Revolution, die sie selbst ins Netz stellten, als dass sie wirklich am Kontakt mit den Aufständischen interessiert waren: „So wie sexuelle Beziehungen für die Beteiligten mehr bedeuten als den bloßen Akt, ist das Masturbieren zu arabischen Pornos mehr als eine kurzzeitige körperliche Befreiung. Es ist eine Übung im Verständnis der Unterdrückung des Begehrens. Wie politischer Aktivismus sind auch Pornos an sich eine Form der Masturbation.“ Wer den arabischen Porno betrachtet, versteht, woran der Arabische Frühling scheitern musste.
Wir senden den Text in einer leicht gekürzten Fassung. Auf Deutsch ist er bei Matthes und Seitz unter dem Titel „Arab Porn“ erschienen.

 

© Bayern 2, Nachtstudio, 20.3.2018

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