Vor hundert Jahren erschien der „Crazy Blues“ und markiert eine Geburtsstunde der Popmusik. Von Karl Fluch

Mit Kamala Harris haben die USA die erste nicht-weiße weibliche Vizepräsidentin ihrer Geschichte. Ihr Erfolg zeige, dass es ein Land der Chancen sei, sagte sie in ihrer Siegesrede. Damit reiht sich Harris in eine lange Tradition schwarzer Frauen, die die ihnen auferlegten Grenzen sprengten. Die Pionierleistung einer anderen feiert gerade ihr hundertjähriges Jubiläum, der Crazy Blues der Mamie Smith.

Die meisten großen Namen des Blues gehören Männern: Muddy Waters, Howlin’ Wolf, B. B. King, Robert Johnson … – doch lange bevor es normal war, dass schwarze Musiker ins Studio gingen, um ihren Schmerz oder ihren Jubel in dieser Form zu dokumentieren, war das Fach weiblich geprägt. Und es war eine Frau, der es gelang, den Markt für ein schwarzes Publikum überhaupt erst zu definieren: Im November 1920 erschien Mamie Smith’ zweite Platte mit dem Titel Crazy Blues – und wurde ein Hit.

Es war eine Geburt gegen den Widerstand des weißen Musikgeschäfts. Das glaubte nicht daran, dass Schwarze an Musik von ihresgleichen Interesse haben könnten. Eine überhebliche Haltung, die sich unter anderem darin äußerte, dass Schwarze zwar schon zuvor Platten aufgenommen hatten, doch waren das meist Versuche im klassischen Fach gewesen, Interpretationen weißer Unterhaltungsmusik oder satirische Novelty-Songs. Denn bevor man einen Schwarzen aufnahm, ließ man lieber einen rachitischen Iren mit geschwärztem Gesicht dessen Lieder singen. Mamie Smith bereitete dem ein Ende.

© Der Standard, Kultur, 10.11.2020

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