True crime ist gerade in aller Munde. Die echten Verbrechen werden mit einem wohligen Schauer genossen, nah, weil wirklich, fern, weil jemand anderem passiert. Mord als Unterhaltung, bevor der Thanksgiving-Truthahn aufgeschnitten wird. Maggie Nelsons Essay umkreist die Frage, was abseits des Schockeffektes unsere Faszination für Verbrechen ausmacht.

Nelsons Tante June wurde brutal umgebracht. Sie war eines von sieben Opfern eines Serienmörders. 35 Jahre blieb unklar, wer der Täter war. Bis durch einen Zufall die Polizei an eine Gewebeprobe kam, die mit den DNS-Spuren am Tatort übereinstimmte.
Die Essayistin Nelson schildert das Gerichtsverfahren. Aber vor allem schildert sie, was es für die Familie bedeutet, wenn ein Mensch ermordet wird. Wie leben die Angehörigen weiter? Wie bewahren sie Fassung? Wie bricht sich die Angst Bahn? Zeit ihres Lebens spricht ihr Großvater Maggie Nelson mit dem Namen ihrer Tante an: June. Das ändert sich erst, als der Prozess beginnt. Rache fordert niemand aus der Familie. Eher steht die Frage im Raum: Müssen nach 35 Jahren die alten Wunden wirklich wieder aufgerissen werden? Die größte Angst des Großvaters: Seine Tochter könnte noch mal ausgegraben werden, um eine erneute Autopsie durchzuführen.

„Die roten Stellen“ Autobiografie eines Prozesses
Von Maggie Nelson
Aus dem Englischen von Jan Wilm

Wir haben den Text dem bei Hanser erschienenen Buch „Die roten Stellen – Autobiografie eines Prozesses“ entnommen.

© Bayern 2, Nachtstudio, 14.4.2020

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