Der Komponist Karlheinz Stockhausen (1928–2007) spaltet die Geister. Sein Werk, der steten Erneuerung verpflichtet, droht hinter der Person zu verschwinden. Entsprangen seine Pionierleistungen dem Grössenwahn? Wollte der Schöpfer des 20stündigen Opern-Zyklus «Licht» den Kulturbetrieb entlarven?

Mit Corinne Holtz

Als der «Buddha vom Rhein» den Anschlag gegen das World Trade Center mit einem Konzert verglich, wurde er fallengelassen. Die Terrorangriffe in den USA seien «das grösste Kunstwerk», das es je gegeben habe. «Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten.» Die Hamburger Kulturbehörde verständigte sich mit den Sponsoren darauf, zwei Konzerte mit Teilen aus Stockhausens «Licht»-Zyklus zu streichen. Auch die in Bern geplante Uraufführung des Teils «Mittwoch», in dem vier Helikopter mitspielen, fiel 2003 ins Wasser.

Stockhausen war immer an vorderster Front und beeinflusste auch die Popkultur. Mit «Kreuzspiel» (1951) eroberte er sich an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik sofort einen Platz neben den Avantgardisten Pierre Boulez und Luigi Nono. Sein erstes Tonbandstück «Gesang der Jünglinge» (1956) gleicht einem Quantensprung der elektronischen Musik, «Gruppen» transferiert die serielle Orchesterpolyphonie ins Räumliche. In den 1960er Jahren fasste asiatisches (Musik)Denken Fuss: Telemusik für Tonband soll «die ganze Erde, alle Länder und Rassen» einbeziehen. Ab 1977 flog Stockhausen in Richtung seines eigenen Sterns und hob zum Riesen-Opus «Licht» ab. Die sieben Tage der Woche sollen mittels Geburts- und Exorzismusritualen, unterstützt von Weltraumschlachten und kosmischen Konferenzen, «universalen Frieden» erschaffen. Der Plot mit den Protagonisten Urmutter Eva, Musik-Heiland Michael und Luzifer schreckt ab, die Musik jedoch erobert sich immer wieder einzigartige Klangräume. Was bleibt? Corinne Holtz nähert sich dem Kosmos Stockhausen aus historischer Distanz. Anlass ist der 90. Geburtstag des Solitärs.

Als John Lennon mit Karlheinz Stockhausen telefonierte

Klassiker der Moderne: Stockhausens KONTAKTE

Stockhausen in neuem Licht? – Ein Gespräch mit Kathinka Pasveer

© SRF 2,  Musik unserer Zeit, 22.8.2018

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