Porträt zum 85. Geburtstag von Arvo Pärt. Mit Unterstützung der Botschaft von Estland in Wien sowie der Universal Edition.

Gibt es einen Fortschritt in der Kunst? Arvo Pärt kann diese Frage für sich nicht mit Sicherheit beantworten. „Fortschritt als solchen gibt es in den Wissenschaften“, so der Komponist. Aber: „Die Kunst bietet eine komplexere Situation. (Sie) muss sich mit ewigen Fragen beschäftigen und nicht nur die Probleme des Tages sondieren.“

Diese ewigen Fragen sind es vielleicht, die die Musik Arvo Pärts so faszinierend machen. Seit Jahrzehnten begeistert der Komponist, der am 11. September 1935 im estnischen Paide geboren wurde, mit dieser Musik sowohl Künstler/innen als auch das Publikum. Es ist nicht die Komplexität, die sein Werk auszeichnet, es ist nicht Provokation oder Angriff, wie es zeitgenössischer Musik und Kunst mitunter gerne als zu erfüllende Aufgabe attestiert wird, sondern eine Besinnung auf das Wesentliche, auf die Einfachheit, und damit eine Besinnung auf den Geist.

Arvo Pärt entsagt sich mit seinem Kompositionsstil gängiger Konventionen zeitgenössischer Musik. Zu diesem Stil musste er jedoch erst finden. Mitte der 1960er-Jahre war Pärt noch den kompositorischen Tendenzen der europäischen Avantgarde verhaftet – er experimentiert mit seriellen Techniken, mit Zwölftonformen, Zitaten und Collagen-Techniken, ergründet Formen der Integration verschiedenster Musik in sein Werk, wobei ihn hier insbesondere die Musik von J. S. Bach in den Bann zieht. Doch in all der Experimentierfreude will sich ihm sein eigener Weg nicht recht erschließen.

Nach einer künstlerischen Schaffenspause von beinahe acht Jahren war es schließlich die Begegnung mit der Gregorianik, die Pärt zu seiner Stimme finden ließ. Es war ein Prozess der „Läuterung seiner musikalischen Wurzeln“, wie es der Dirigent und Pärt-Experte Paul Hillier einmal ausdrückte. Diese Läuterung brachte eine fast revolutionäre Methode hervor, die jedoch in ihrem Neuheitsgehalt keineswegs schreiend, impulsiv oder dramatisch war, sondern die die scheinbare Simplizität in den Vordergrund rückt.

Arvo Pärt bezeichnet diese von ihm neu entwickelte Methode als „Tintinnabuli-Stil“ – abgeleitet vom lateinischen tintinnabulum („kleines Glöckchen“). In den Fokus rückt hier die Einfachheit des Klanges: „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser eine Ton, oder eine Pause, oder ein Moment der Stille, tröstet mich.“ Dem Tintinnabuli liegt der Dreiklang als scheinbar endlos sich wiederholende und dabei nur minimal verändernde Struktur zugrunde, über der eine Melodie schwebt.

Diese Methode wandte Pärt in zahlreichen Kompositionen an, darunter „Spiegel im Spiegel“, und – als vielleicht berühmtestes Beispiel – „Fratres“, in dem sich zusätzlich verschiedenste Klangkonstellationen entfalten können, weshalb es auch in unterschiedlichen Besetzungsversionen realisierbar ist.

Das Erwachsen aus einer Keimzelle, das Sich-Entfalten und Miteinander-Verschmelzen führt stets zu einem Ergebnis, das zum einen ein wenig unvorhersehbar anmutet, zum anderen jedoch ein Gefühl von Einheit vermittelt. Mit dieser erstaunlichen Klangwelt, die Arvo Pärt im Laufe der Jahrzehnte kreierte, gelingt es ihm vielleicht genau, jenen Anspruch zu erfüllen, den er selbst an die Kunst stellt: sich den ewigen Fragen zu widmen, ohne sie konkret beantworten zu müssen.
(Eva Teimel)

http://xb4160.xb4.serverdomain.org/Musik/Arvo-Prt-zum-85.-Geburtstag.mp3

Franz-Markus Siegert und Anaïs Tamisier, Violine; Raphael Handschuh, Viola; Raffael Dolezal, Violoncello; Andreas Planyavsky, Flöte; Gernot Jöbstl, Oboe; Johannes Gleichweit, Klarinette; Martin Machovits, Fagott; Peter Erdei, Horn; Gabriel Vogelauer, Schlagwerk; Andrej Kasik; Klavier.

Arvo Pärt:

a) Fratres (1977/1980; Fassung für Violine und Klavier);

b) Quintettino für Bläserquintett (1964);

c) Spiegel im Spiegel (1978) 

Philip Glass: String Quartet Nr. 2 

Arvo Pärt:

a) Estnisches Wiegenlied ÖE;

b) Fratres (1991; Fassung für Streichquartett)

(aufgenommen am 24. September im Großen Sendesaal des ORF RadioKulturhauses in Wien).

© Ö1, Das Ö1 Konzert, 1.10.2020

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt (geb. 1935)
Titel: Fratres (Fassung für Violine und Klavier) (1977/1980)
Solist/Solistin: Franz-Markus Siegert, Violine
Solist/Solistin: Andrej Kasik, Klavier
Länge: 09:27 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt (geb. 1935)
Titel: Quintettino für Bläserquintett (1964)
* 1 Schnell 1.05
* 2 Langsam 1.49
* 3 Mässig 1.10
Ausführender/Ausführende: Andreas Planyavsky, Flöte
Ausführender/Ausführende: Gernot Jöbstl, Oboe
Ausführender/Ausführende: Johannes Gleichweit, Klarinette
Ausführender/Ausführende: Peter Erdei, Horn
Ausführender/Ausführende: Martin Machovits, Fagott
Länge: 04:04 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt (geb. 1935)
Titel: Spiegel im Spiegel (1978) für Violoncello und Klavier
Solist/Solistin: Raffael Dolezal, Violoncello
Solist/Solistin: Andrej Kasik, Klavier
Länge: 07:39 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt (geb. 1935)
Titel: In Spe für Bläserquintett und Streichorchester
Ausführender/Ausführende: Franz-Markus Siegert, Violine
Ausführender/Ausführende: Anaïs Tamisier, Violine
Ausführender/Ausführende: Raphael Handschuh, Viola
Ausführender/Ausführende: Raffael Dolezal, Violoncello
Ausführender/Ausführende: Yamato Moritake, Kontrabass
Ausführender/Ausführende: Andreas Planyavsky, Flöte
Ausführender/Ausführende: Gernot Jöbstl, Oboe
Ausführender/Ausführende: Johannes Gleichweit, Klarinette
Ausführender/Ausführende: Peter Erdei, Horn
Ausführender/Ausführende: Martin Machovits, Fagott
Länge: 10:59 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Philip Glass
Titel: String Quartet Nr 2 (1983)
Ausführender/Ausführende: Franz-Markus Siegert, Violine
Ausführender/Ausführende: Anaïs Tamisier, Violine
Ausführender/Ausführende: Raphael Handschuh, Viola
Ausführender/Ausführende: Raffael Dolezal, Violoncello
Länge: 08:58 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt (geb. 1935)
Titel: Estnisches Wiegenlied ÖEA Fassung für Violine und Klavier
Solist/Solistin: Anaïs Tamisier, Violine
Solist/Solistin: Andrej Kasik, Klavier
Länge: 02:29 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt (geb. 1935)
Titel: Fratres (Fassung für Kammerensemble) (1977-1982)
Ausführender/Ausführende: Franz-Markus Siegert, Violine
Ausführender/Ausführende: Anaïs Tamisier, Violine
Ausführender/Ausführende: Raphael Handschuh, Viola
Ausführender/Ausführende: Raffael Dolezal, Violoncello
Ausführender/Ausführende: Yamato Moritake, Kontrabass
Ausführender/Ausführende: Andreas Planyavsky, Flöte
Ausführender/Ausführende: Gernot Jöbstl, Oboe
Ausführender/Ausführende: Johannes Gleichweit, Klarinette
Ausführender/Ausführende: Peter Erdei, Horn
Ausführender/Ausführende: Martin Machovits, Fagott
Ausführender/Ausführende: Gabriel Vogelauer, Schlagwerk
Länge: 10:31 min
Label: UE

Komponist/Komponistin: Arvo Pärt/geb.1935
Titel: Für Alina – für Klavier
Solist/Solistin: Alexander Malter /Klavier
Länge: 10:48 min
Label: ECM New Series 1591 / 4499582

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 – 1750
* Fuga – 2.Satz (00:07:52)
Titel: Sonata für Violine solo Nr.2 in a-moll BWV 1003
Solist/Solistin: Gidon Kremer /Violine (Guarneri del Gesu 1730, „Ex David“)
Länge: 07:55 min
Label: ECM New Series 1926/27 (47672

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