Klavier-Klang als Pop-Fetisch Piano, Piano!

Wenn in der Pop-Musik das Klavier ertönt, wird aus Unterhaltung oft plötzlich heiliger Ernst. Mit Piano-Klischees lassen sich nostalgische Gefühle evozieren.

von Ueli Bernays

Das Schwarz-Weiss-Video zeigt einen Steinway-Flügel und einen Pianisten im Casual-Look. Eine Kappe über den Ohren, eine palästinensische Kufiya um den Hals, lässt er seine langen Finger über die Tasten traben. Und schon perlt über innigen Arpeggi ein sentimentales Motiv. Man wird in idyllische Sphären versetzt, in Landschaften mit Wiesen und Wäldern und trillernden Drosseln, vielleicht. Einige mögen sich bei den gläsernen Piano-Klängen auch an ihre Kinderstube erinnern und an das Klavier in der Ecke, wo sie selber übten oder klimperten – von «Alle» über «Entchen» bis «schwimmen» und «See».

Auch die Musik des besagten Virtuosen, es handelt sich um den Italiener Ezio Bosso, hat eine ornithologische Komponente: Mit dem Stück «Following a Bird» versucht er den Flügelschlag pianistisch nachzuempfinden. Dabei ereifert er sich selber so sehr an der expressiven Tragweite seines poppigen Pastorales – die Augen geschlossen, weit aufgerissen der Mund –, dass man fast etwas zweifeln mag an seiner Passion. Ist die Emotion nicht bloss gekünstelt?

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© NZZ, Feuilleton,  24.3.2017

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