Der Jazzpianist Keith Jarrett sollte in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk bekommen. Überraschend sagte er ab. Jetzt lässt er sein Album „La Fenice“ sprechen. Von Reinhard Köchl

Nicht selten bietet das Seelenleben eines Künstlers Stoff für Dramen, wahlweise mit oder ohne Happy End. Vor allem, wenn derjenige mit geradezu missionarischem Exhibitionismus jede Gefühlsregung, den ganzen über die Jahre angesammelten Schmerz, seine Selbstzweifel, all die Angst in einsamen Stunden, die daraus resultierenden depressiven Schübe, aber auch die Augenblicke verhaltenen, manchmal sogar überschwänglichen Glücks regelmäßig in der Öffentlichkeit ausbreitet.

Wie der Jazzpianist Keith Jarrett gerade drauf ist, das weiß seit Jahrzehnten eigentlich jeder, der sich für ihn interessiert. Seine Musik, die Titel und Beigeschichten seiner Liveaufnahmen übermitteln zuverlässig den gerade aktuellen emotionalen Pegelstand. Wie ein Regenradar zeigen sie zurückliegende oder anstehende Hoch- und Tiefdruckgebiete an, warnen vor Hurrikans und geben manchmal sogar Erklärungen für vergangene Katastrophen. Natürlich ist das auch der Fall bei der neuesten Veröffentlichung La Fenice, aufgenommen im gleichnamigen Theater in Venedig am 19. Juli 2006, einem der heiligen Konzertsäle der klassischen Musik.

© Zeit Online, Kultur, Oktober 2018,

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