Vom pädophilen Schrecken im Fall Michael Jackson über die Verbrechen Harvey Weinsteins zu der Familienfehde bei den Allens: Was im Zeichen der Lust und der Revolte begann, bedarf längst einer umfassenden Revision. Warum „cancel culture“, Outing und Boykott jedoch auch an die Grenzen von Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaat führen.

In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ereignete sich etwas, das man die »sexuelle Revolution« nannte. Es war ein ziemlich komplexes Geschehen, das die Ordnungen der Geschlechter, die Sprache des Begehrens, die moralischen Diskurse und nicht zuletzt die politische Ökonomie neu organisieren sollte. War es ein Aufbruch in eine bessere Zukunft, oder war es eine Revolution, wie es einst Walter Benjamin formulierte, als Notbremse, nämlich angesichts eines katastrophalen Widerspruchs zwischen der sexuellen und der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaften des Westens? Die körper- und lustfeindliche Erziehung der vorherigen Generationen und ihre Folgen (die Erziehung zur Heuchelei) waren für viele Protagonisten der sexuellen Revolution noch biographische Erfahrung. Vor diesem Hintergrund musste alles als gut erscheinen, was der Sexualunterdrückung des Patriarchats entgegenstand und der Wahrheit der Sexualität entsprach. Diese Wahrheit indes musste erst gefunden (oder erfunden) werden. Und dabei ging einiges schief….

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© JungleWorld, 26.03.2020

 

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