Nicht nur in Berlin taucht der Begriff »Clubkultur« immer öfter auf. Als Selbstbezeichnung wird er in einer Zeit gebraucht, in der die Clubs so etabliert wie nie, gleichzeitig aber auch immer stärker von Schließung bedroht sind.

Von Toni Buletti und Konstantin Nowotny

Wenn die deutschen Pioniere des Techno von früher erzählen, sparen sie selten mit großen Worten. »Das waren die Momente, ja, wo ich sag’, da ging eigentlich der Zweite Weltkrieg erst wirklich zu Ende«, schwelgte Maximilian Lenz alias Westbam kürzlich in einer ARD-Dokumentation über die Anfänge der Loveparade. Der Unendlichkeitsgestus der elektronischen Musik traf den Nerv jener, für die nach dem Mauerfall sämtliche geschichtlichen Grabenkämpfe vorbei waren und nun alles nur noch auf die große Einheit zusteuerte. Der DJ und Musiker Hardsequencer ­beschwor in »The Dancing Nations«, einer damaligen Dancefloor-Hymne, »people of all nations dancing together«.

Gäbe es kein Covid-19, würde ein Blick in Berliner Clubs reichen, um zu zeigen, dass es mehr oder weniger so gekommen ist. Merkwürdig, dass die Wegbereiter von damals ausgerechnet in der Pandemie den Zeitpunkt gekommen sahen, die Anerkennung von Techno als Weltkulturerbe und einen Techno-Feiertag zu fordern (Jungle World 13/2020). Vorher war elektronische Tanzmusik, zumindest makroökonomisch gesehen ertragreich und kulturell Mainstream. Die einstige Underground-Bewegung ist längst ein fester Teil des Tourismuskonzepts vieler Städte. Wer wollte, konnte vielerorts jeden Tag zum Techno-Feiertag machen.

© JungleWorld, Dschungel, 17.9.2020

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