Jungle.World: „Everybody hurts“ Depressionen sind im Pop das neue große Thema

Im Pop scheint es nur noch ein großes Thema zu geben: Depressionen. Doch zwischen ernsthafter Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen und deren Ausbeutung zum Zwecke der Promotion scheint kaum noch ein Unterschied zu bestehen. Von Konstantin Nowotny

Im Jahr 1968 betrat der Country-Sänger Johnny Cash das bundesstaatliche Gefängnis in Folsom, Kalifornien, um dort sein vielleicht bekanntestes Konzert zu geben. Oft wurde das als PR-Stunt abgetan, aber die Insassen mehrerer Gefängnisse in den USA hatten zuvor darum gebeten, dass Cash bei ihnen auftreten möge. Sie kannten seinen »Folsom Prison Blues« (1955) mit der berühmten Zeile: »I shot a man in Reno just to watch him die.« Er, das Farmerkind, das in der Jugend Baumwolle gepflückt hatte, musste niemanden umgebracht haben, um zu wissen, welchen Anreiz es dafür geben könnte, wenn man viel Frust im Gepäck, aber wenig zu verlieren hat. Die Gefängnisinsassen erkannten in Cash einen der ihren.

Später war es Cash selbst, der sich in einem anderen wiederfand. Das Lied »Hurt« von Trent Reznor, dem Sänger der Nine Inch Nails, hatte den Country-Sänger so sehr beeindruckt, dass er 2002, ein Jahr vor seinem Tod, eine Coverversion davon aufnahm, die heutzutage bekannter ist als das Original. »I hurt myself today to see if I still feel« – der Song könnte stilistisch vom erquicklichen »Folsom Prison Blues« kaum weiter entfernt sein, aber die lyrischen Ähnlichkeiten sind unübersehbar. Reznor sagte später, »Hurt« sei nach Cashs Interpretation nicht mehr sein Song gewesen.

Heutzutage gibt es Songs über Luxusautos, Schmuck und Partys auf demselben Album direkt neben Liedern über Existenzängste, Suizidgedanken und Einsamkeit.

Konstantin Nowotny

© Jungle.World, Dschungel, 18.20.2021

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