Jenny Hval: „Jedes Wort ist ein Gitarrensolo“ Eine Rezension von Daniel Gerhardt

Jenny Hval ist ein Popstar der Poptheorie, jedes ihrer Alben ein neues Experiment. Mit dem Elektro-Projekt Lost Girls macht sie sich selbst zum Instrument.

Noch bevor die Musik beginnt, beginnt Hval das Titelstück mit Worten darüber, dass es keine Worte gibt in dieser Musik. Und somit auch kein Bewusstsein, das sie formen könnten. „In the beginning, there is sound„, sagt sie stattdessen im Ton einer Dokumentarfilmsprecherin, die den Urknall erklärt oder den Energiesparmodus einer Spülmaschine. Sound als selbst- und körperloser Ausdruck, Musik, der kein Mensch mehr im Weg steht: Das ist der Schöpfungsmythos von Lost Girls, den Menneskekollektivet in zwei langen und drei mittellangen Freiformstücken entfaltet. Hval und Volden beschreiben also Schaffensprozesse, die sie eigentlich gar nicht beschreiben können, weil sie ein Konzept umsetzen, das eigentlich gar nicht umsetzbar ist.

Vielleicht geht es Lost Girls also darum, Egos und Hierarchien aus ihren Stücken zu entfernen, alles gleichberechtigt nebeneinanderzustellen oder auch klassische Rollenverteilungen umzukehren. Der Synthesizer als Songwriter, die Musikerinnen als Instrumente. Voldens Gitarre als Texterin, Hvals Worte als Soloschnörkel. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders gemeint. Lost Girls bleiben da ergebnisoffen. Ihre Songs verstehen sie als Zwischenstände, die sich durch neue Loops und Neil-Young-Imitationen beliebig erweitern ließen. Ihre Texte erinnern mit Konversationsmarkern, Wortwiederholungen, Abschweifungen und abgebrochenen Sätzen immer auch an die eigene Unzuverlässigkeit.

© Zeit Online, Kultur, Musik, 17.4.2021

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