Jazzkolumne: Sehnsucht nach Midcentury Modern: „Der diskrete Charme der Moderne“ von Andrian Kreye

1964 durfte das Album „Miles in Tokyo“ nur in Japan erscheinen, da Miles Davis mit dem Tenorsaxofonisten Sam Rivers nicht gut konnte, schreibt Andrian Kreye in der SZ-Jazzkolumne und es ist kein Zufall, dass so viele Jazzplatten aus der Zeit des Hard Bop auf Vinyl neu erscheinen.

Miles Davis: So What (Miles in Tokyo)

Es ist ja nicht nur die Musik, die den Boom der Vinyl-Schallplatten in einer Zeit antreibt, in der die Schallplatte weniger Trägermedium als Objekt ist. Und weil Objekte die direkteste Verbindung zur Vergangenheit sind, ist es auch kein Zufall, dass ein großer Teil der Wieder- und Archivveröffentlichungen aus jener Zeit stammt, als eine Generation junger Musiker den Jazz in die Moderne katapultierte. Vorbei war die Zeit der musikalischen Muskelprotzereien des Bebop, die noch aus den Macho-Ritualen der „Battles“ zwischen den Solisten der Big Bands stammte. Vorbei die nervöse Energie der unmittelbaren Nachkriegsjahre, mit ihrer Euphorie des Aufbruchs und des Neuanfangs. Was zunächst Miles Davis etablierte, war die Klarheit und Melancholie jenes Minimalismus, der auch der Grund dafür ist, dass einem Möbel von Charles und Ray Eames oder Gebäude von Oscar Niemeyer und Eero Saarinen umgehend in die bittersüße Laune der Nostalgie nach der Midcentury-Modern-Stimmung der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre versetzt.

Folgende Veröffentlichungen werden vorgestellt:

Miles Davis – „Miles in Tokyo“

Jimmy Giuffre – „Western Suite“

George Russell – „New York N.Y.“

Tina Brooks – „The Waiting Game“

© Süddeutsche Zeitung, Jazzkolumne, 22.2.2021

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